Diskussionsbeitrag anlässlich der Anti-GES-Kampagnen

Kapitalismus- und Ideologiekritik
Bedingungen und Notwendigkeiten der Gegenwart

Mit Interesse verfolgen wir die aktuelle Protestkampagne gegen das so genannte ‚Global Economic Symposium‘ (GES) in Kiel, einem vom Kieler ‚Institut für Weltwirtschaft‘ initiierten, jährlichen Krisenforum, welches einen verstärkten handlungs- und entscheidungsorientierten Austausch zwischen führenden Regierungsvertreter_innen, Unternehmer_innen, Akademiker_innen sowie zivilgesellschaftlichen Akteuren aus aller Welt zwecks „Lösung“ bestimmter als Probleme und Herausforderungen deklarierter Krisenphänomene zum Ziel hat. Dass es sich dabei um nichts anderes handelt, als einen der vielen und systemimmanent notwendigen Versuche, den bestehenden Vergesellschaftungsmodus trotz Staatsschulden- und Kapitalakkumulationskrise am Laufen zu halten, sollte zumindest aus linksradikaler Perspektive zu nicht allzu großer Verwunderung führen. Ebensowenig, dass derartige Unternehmungen, welche die Reproduktion und Verschärfung der bestehenden Zwangs- und Herrschaftsverhältnisse zur Voraussetzung der politischen Agenda machen, dem Anspruch gesellschaftlicher Emanzipation in jeder Hinsicht zuwiderlaufen.

Die Ideologiefrage stellen!

Trotz dieser Offensichtlichkeit – dazu muss man nur über den szeneeigenen Tellerrand hinausschauen – erscheint der Kapitalismus als vermeintlich einzig mögliche Alternative der gesellschaftlichen Organisation politisch-ökonomischer Beziehungen. Dies wirft wichtige Fragen auf, die unserer Ansicht nach auch zur Bewertung des GES und spektakulärer Gipfel-Proteste unabdinglich sind: Wieso ist mensch eigentlich so sehr darum bemüht, die bestehenden Verhältnisse, welche gesellschaftliche Verelendung nicht nur in Krisenzeiten, sondern auch im ganz normalen Alltag von Konkurrenz und Verwertung notwendigerweise hervorbringen, am Laufen zu halten, anstatt sie im Sinne gesellschaftlicher Emanzipation zu überwinden? Wieso erscheint es für die meisten Menschen leichter, an der bestehenden Gesellschaftsform festzuhalten und selbst in Zeiten sozialer, ökonomischer und ökologischer Krisen erwartungsvoll zum Staat als vermeintlichem Gesellschaftsplaner aufzublicken, anstatt sich den gesellschaftlichen Reichtum in kooperativer und solidarischer Form selbst anzueignen? Wieso muss immer wieder gegen Deutungsmuster angegangen werden, welche in einem simplen Schema der negativen Schuldzuweisung die Ursachen sozialer Ungleichheit, Armut, Umweltzerstörung etc. auf das individuelle Verhalten einzelner Akteure projizieren und ohne Gesellschaftsbezug moralisch verurteilen? Und wieso geben sich immernoch viele mit dem regressiven Ansatz zufrieden, in den sozialen Krisenprozessen der letzten Jahre die „nationale Frage“ zu entdecken, anstatt sich um eine progressive Gesellschaftskritik zu bemühen? All diese Fragen nach der ideologischen Verarbeitung und Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse im alltäglichen Bewusstsein und Handeln der darin vergesellschafteten Individuen, kurz: Fragen nach Ideologieproduktion im Kapitalismus, sollten im Zuge antikapitalistischer Kampagnen gestellt und diskutiert werden.

Auch zu den vergangenen und kommenden Protesten gegen das GES wurde und wird der Ideologiebegriff in Stellung gebracht. Im diesjährigen, aber auch dem etwas älteren Aufruf von 2009 soll es in diesem Sinne um die Störung oder Sabotage der „Ideologieschmiede und Verwertungstaktikfabrik GES“ gehen. Das GES wird begriffen als „Ideologiemaschinerie des Kapitalismus“ mit einer „verdächtigen Beteiligtengemeinde“, dessen Anliegen es zu „entlarven“ oder „demaskieren“ gelte. Im Rahmen dieser fabrikartigen Produktion von falschem Bewusstsein hinter dem Rücken der Bevölkerung, werde während des GES eine „überarbeitete Verschleierungstaktik von Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnissen“ entwickelt und überarbeitet. Ein Ideologiebegriff, der terminologisch in dieser Form als Kampfbegriff auftritt, mag zwar seinen Sinn gegenüber den Inhalten und Ergebnissen dieses Kongresses haben und als Delegitimierungsstrategie dem politischen Kampf um Hegemonie und Deutungshoheit marginalisierter, sprich: linker Kräfte, dienlich sein. Denn natürlich sind die auf dem GES präsentierten Lösungen unhaltbar und sollten den Gegenstand einer Inhaltskritik bilden. Was an dieser Stelle aber größtenteils fehlt, ist ein in-Beziehung-Setzen einzelner Knotenpunkte der Ideologieproduktion (z.B. im Staat oder bürgerlichen Medien) zu ihrer Existenz und Wirkmächtigkeit als gesamtgesellschaftliches Verhältnis. Andernfalls besteht die Gefahr, den Ideologiebegriff so weit auf einzelne politische Spektakel zu verkürzen und zu verengen, dass damit eine Kritik des kapitalistischen Alltags nicht mehr zu haben ist.
Was meinen wir mit Verengung bzw. Verkürzung? Eben genannte Texteindrücke zeigen ganz anschauchlich, dass Ideologieproduktion hauptsächlich vom zentralen Wirken herrschender Eliten her gedacht wird. Wenn auf das Bild der ‚Schmiede und Maschinerie‘ zurückgegriffen wird, dann ruft das die Vorstellung von Produzieren im klassischen Sinn hervor: Einige herrschende Akteure aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sind eifrig und mit vollem Bewusstsein darum bemüht, den ideologischen Kitt arbeitsteilig-rational herzustellen und in die politischen Diskurse zwecks Legitimation und Erhalt ihrer eigenen Klasse einzuspeisen. Es werden Pläne geschmiedet, wahre Absichten verdeckt und verschleiert und die unteren sozialen Schichten für dumm verkauft. Ideologieproduktion wird als reines Privileg einer herrschenden Klasse begriffen, als geistiges Elaborat von Klassenherrschaft, welches zum Erhalt des bestehenden Gesellschaftszusammenhangs, der Klassengesellschaft, notwendigerweise betrieben werden muss. Ideologiekritik funktioniert in diesem Sinn dann hauptsächlich als Politik der Skandalisierung, Demaskierung eigentlicher Kapitalinteressen und Denunzierung der ‚Hauptverantwortlichen‘. Wenn im Zuge der 2009 stattfindenden Proteste der Vorsitzende des IfW während einer Podiumsdiskussion unter den Rufen „Kapitalistenschwein“ mit Eiern beworfen wurde und die damalige Protestkoordination diesen Vorfall mit dem Fazit, dass er als das, was er sei, demaskiert werden konnte, dokumentiert, dann zeugt dies von genau solch einer Vorstellung, welche eher die Suche nach einem politischen Feind anstatt die Analyse gesellschaftsbedingter Ideologieproduktion zum Ziel hat. Ausgehend von solch einer Analyse muss man sich auch nicht wundern, wenn im Bekenner_innenschreiben des kürzlichen Farbanschlages auf das IfW der Ideologievorwurf in abscheulicher Weise auf die Person Dennis Snower reduziert wird (Als Lösung wird präsentiert: „Let the Snow melt“).

Wenn man stattdessen die von Marx eingebrachte Bestimmung von Ideologie als notwendig falsches Bewusstsein auf Subjektebene oder notwendig falscher Schein auf Gesellschaftsebene ernst nimmt, dann muss es unserer Ansicht nach darum gehen, Ideologie selbst im Verhältnis zu den gesellschaftlichen (Alltags-)Verhältnissen bestehend aus Konkurrenz, Verwertung, Ausbeutung und Krisen zu betrachten. Dass eine falsche Vorstellung von der gesellschaftlichen Wirklichkeit – wie etwa die Verewigung und Naturalisierung des Kapitalverhältnisses – zur wirksamen Ideologie wird, kann demnach nicht ausschließlich an der Überzeugungskraft einzelner weniger Kapitalist_innen liegen. Dies halten wir für eine analytisch nicht zu haltende Überschätzung. Abgesehen davon, dass die Klassenverhältnisse im Gegenwartskapitalismus ohnehin ganz andere sind und eine Vielzahl weiterer Identifikationsmuster für die bequeme Einrichtung im gesellschaftlichen Alltag eine Rolle spielen, sollten die ideologischen Verhältnisse auf ihre strukturelle Dimension hin befragt werden, die dem Kapitalismus schon immer inhärent war. Dies würde zumindest bedeuten, öffentlich wirksame Ideologieproduktion als komplexes Netzwerk einer Unzahl von Akteuren und Verhältnissen zu begreifen. Ideologie wird im kollektiven Prozess von allen Subjekten produziert, niemand steht außerhalb ihrer Wirkung und Produktion. Dabei ist dies kein vollständig unbewusster Prozess, sondern die Ideologien werden als vermeintlich gesellschaftlich notwendig rationalisiert.
Die atomisierten Individuen nehmen äußerliche Konkurrenz- und Verwertungszwänge in sich auf, zwecks gedanklicher Ordnung und Sinnstiftung. Die widersprüchlichen und naturalisierten Verhältnisse, die den Subjekten als verdinglichte Oberflächenphänomene gegenübertreten, werden zu Ideologien verarbeitet. Diese verdinglichten Phänomene zeigen sich im marktkonformen Bewusstsein, Staatsfetisch, Ticket-Denken, regressiver Krisenverarbeitung etc. All dies sind Aspekte eines strukturellen Ideologiebegriffs, welcher aus antikapitalistischer Perspektive diskutiert werden müsste. Nicht aus Spaß an theoretischen Begriffsdiskussionen, sondern um die Bedingungen und Formen der eigenen politischen Praxis – zum Beispiel die Möglichkeiten und Grenzen von linker Gegenöffentlichkeit – zu klären und zu überprüfen.

Klassen sind zum Auflösen da!

Ein strahlender Joseph Ackerman mit Victory-Zeichen prangte auf den Shirts der Fußballmannschaft „Lokomotive Lustprinzip“. Gerahmt wurde das ganze von dem Spruch „don‘t hate the player – hate the game“. Diese sanfte Provokation hat ihren Ursprung in linken Begründungsdiskursen über die Ablehnung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Die Linke, ob radikaler oder sozialdemokratischer Couleur, versucht seit Beginn der neuen Wirtschaftsordnung ‚Kapitalismus‘, diese zu delegitimieren und wieder abzuschaffen. Waren die Verhältnisse der Klassengesellschaft noch weitestgehend einfach gestrickt, so sind die heutigen Strukturen wesentlich komplexer und die Frage der ideologischen Legitimation noch viel breiter geteilt.
Aufgrund des stetigen Bezuges auf das Konzept in verschiedenen Kieler Texten soll eingangs darauf nochmal eingegangen werden, um dann die Frage der verkürzten und personalisierten Kapitalismuskritik daran anzuknüpfen.

Der Idealtypus der Klassengesellschaft lässt sich folgendermaßen charakterisieren: einheitliche Normen und Werte in den unterschiedlichen Klassen, starre Sozialstruktur – wenige Chancen zum sozialen Aufstieg. Hieraus entspringen stark ausgeprägte Exklusionsmuster sozialer, politischer und kultureller Natur. Sprich: es gab klar getrennte Sphären von Arbeiter_nnen und Kapitalbesitzer_nnen etc., die jeweils ihre eigenen politischen Organisationen, relativ einheitliche Interessen und einheitliche Verhaltens- und Denkweisen hatten. Die gesellschaftlichen Verhältnisse waren dementsprechend offen repressiv und gewalttätig geprägt und alles wurde dem instrumentellen Charakter untergeordnet. Diese Klassenstrukturen lösten sich dann in den NationalSozialismus auf. Die Arbeiter_innenklasse wurde Teil des Kollektivsubjekts der deutschen Volksgemeinschaft und somit tragender Teil des industriellen Massenmordes.
Mit dem Beginn von Wirtschaftswunder, kollektivem Wohlstand und der entstehenden Post-Moderne wandelte sich die ökonomische und soziale Situation. Die Klassen und ihre Strukturen wurden aufgelöst in übergreifende ‚Lebensstilmodelle‘; soziale Mobilität und Individualität wurden ins Zentrum einer sich verändernden kapitalistischen Ordnung gerückt. Der eiserne Käfig der Hörigkeit einer gesellschaftlichen Position wurde tiefgreifend modernisiert. Die Forderungen der 68er nach selbstbestimmter Arbeit und die Entbindung von starren Familien- und Lebenskonzepten wurde weitgehend erfolgreich praktiziert. Die Klassenmodelle waren in sozialer Hinsicht vor allem Ordnungsmodelle, die klare Vorgaben für Lebenskonzepte und Normen bereithielten und die benötigten Subjekte der industriellen Arbeit formten – heteronom, heteronormativ und eindeutig. Die Modernisierung von Ökonomie und Kultur brachte flexiblere, vielfältige und selbstbestimmte Modelle von Identität auf, die jenseits von (Klassen-) Kollektiven funktionieren. Doch Befreiung im Kapitalismus funktioniert nur anhand von Konzessionen bzw. Integration in neue Zwangsverhältnisse. Dementsprechend werden auch die neuen Lebensstile und pluralen Identitäten gegen die Subjekte gerichtet. Vielfalt wird ökonomisch verwaltet in Diversitymanagement; Befreiung aus verwalteten Lebens- und Arbeitsverhältnissen wird zu selbstbestimmter Technologie des Selbst und der Selbstausbeutung. Die Befreiung wird stetig wieder gegen die Subjekte gerichtet als neuer Zwang. Heute heißt Selbstbestimmung, sich und seine Fähigkeiten wie Kreativität, Flexibilität und Motivation als Verwertungsressourcen zu begreifen und gemäß der Marktgesetze zu organisieren. Zusätzlich wird dem Subjekt aufgezwungen, diese Ressourcen selbstständig zur verbesserten Verwertung bereitzustellen. Zugespitzt wird dies in der Überantwortung jeglicher Formen von Scheitern, Fehlern und Problemen auf das Individuum selbst. Kollektive Bearbeitung, Auffangen oder nur die Idee, dass gesellschaftliche Probleme nicht allein reguliert werden können, geht in der Atomisierung der Einzelnen unter.

Diese Herleitung ist in mehrfacher Hinsicht wichtig für die Analyse kapitalistischer Ordnungen und eben auch in Hinblick auf die Kritik des „Global Economic Symposiums“. Einerseits wird hier explizit auf die Frage von Ideologie schon Stellung genommen, andererseits bezweifeln wir, dass die Ausführungen im Aufruf zur Klassengesellschaft mit einer Ideologiekritik vereinbar sind. Kurz gesagt, die Frage der Ideologie /-kritik wird nicht ernst genommen. Ausbeutungsprozesse haben eine soziale und eine strukturelle Dimension. Dabei ist die soziale Dimension der legitimatorische Überbau der strukturellen Zwänge. Die Frage der Ideologie wird im Teil an entsprechender Stelle ausgeführt, vorerst soll es jetzt um die strukturellen Zwänge gehen. Die analytischen Schritte im Text „Le Fin de Nous“ und im Aufruf gegen GES sind ähnlich hinsichtlich der Frage von Klassenanalyse und Ideologiekritik. Ausgehend von der Klassenanalyse wird die politische Praxis formiert. Wie oben dargestellt teilen wir eben diese Analyse nicht. Dadurch ergeben sich andere Praxen.

Feindanalysen – Don‘t hate the Player, hate the game.

Kommen wir zurück zu Joseph Ackerman. Hier kulminiert nochmal die Frage der Analyse. Kapitalismus manifestiert sich als gesellschaftliches Verhältnis von strukturellen Zwängen und Ideologie.1 In diesem Sinnen müssen diese Verhältnisse aufgehoben werden, Brandschatzend durch Düsternbrook ziehen hilft da nicht. Ebensowenig ist Dennis Snower zentrale Leit- und Steuerungsfigur des kapitalistischen Bösen; sondern lediglich eine Charaktermaske.
Kapitalismus funktioniert nicht als repressive Einbahnstraße: Die KapitalistInnen beuten die ArbeiterInnen aus und leben vom erbeuteten Mehrwert. Dies ist lediglich die rudimentäre Analyse anhand der Phänomene, ignoriert aber die Strukturmechanismen. Die nicht Kapitalbesitzenden sind gezwungen ihre Arbeitskraft zu verkaufen, aus dem Verkauf erzielen sie ihre ökonomische Grundlage zum Überleben. Im Nachkriegsdeutschland sogar eine recht befriedende Rente. Die Ausbeutungsverhältnisse sind mal repressiver und mal lascher. In der Gegenwart streben sie nach selbstgesteuerter Ausbeutung.2 Die Subjekte der Arbeitskraft haben das Verwerten als Selbstzweck rationalisiert.

Das Zentrale der Analyse ist aber, dass die sogenannten Kapitalist_innen/Kapitalbesitzer_innen ebenfalls den Zwängen kapitalistischer Strukturen unterworfen sind. Konkurrenz und Konkurs spielen sich nicht nur einseitig ab. Auch die Unternehmen sind im Strukturzwang, ‚Gewinn‘ zu machen, um am Markt überhaupt produzieren und bestehen zu können, gefangen. Mehrwertproduktion ist nicht Narzissmus der Kapitalbesitzenden, sondern inhärenter Mechanismus des Kapitalismus. Wachstum ist der Imperativ des ökonomischen Handelns, Konkurrenz die bestimmende Situation des ökonomischen und allgemein zwischenmenschlichen Handelns. Dass die Rente dieser Gruppe größer ist als die der Masse ist unbestritten. Doch der Ausweg ist nicht die Beseitigung dieser Gruppe. Diese Menschen sind ebenso beliebig und ersetzbar, wie der Rest der Arbeitskraftbesitzenden. Und die Bedingungen von selbstgesteuerter Ausbeutung mit dem Einbringen der individuellen Kompetenz von Kreativität und Flexibilität, sowie der Entgrenzung von Arbeit und Leben wird zum Zwang für alle. Dementsprechend ist Reduktion von Prozessen auf Personen so nicht möglich und politisch fatal. Dennis Snower zur Leitfigur der Ideologieproduktion zu machen, führt zu Angriffen gegen den Menschen Snower, bringt aber keinen Schritt weiter hinsichtlich der Befreiung von Strukturmechanismen. Wenn er es nicht macht, ist es jemand anderes an einem anderen Ort. Das Entwerfen von Täter-Opfer Schemata ist Teil der Hilflosigkeit gegenüber den Zwängen, führt aber zu nicht vermittelbarem Aktionsmus und Reduktionismus.

Jetzt hängt natürlich alles in der Luft. Erstmal erscheint alles Handeln durch diese Überlegungen verstellt und doch geht es lediglich darum, das Handeln Bedingungen zu unterwerfen. Die Bedingungen ergeben sich aus der Analyse und so ergibt sich eine doppelte Praxis: die Analyse als Handeln und des Handelns selbst. Wobei hier erstmal kein Primat definiert wird. Ohne die beständige und unablässige Kritik der Praxis hat sie mitunter fatale Folgen und verklärt die gesellschaftliche Realität.

Maaskantjer Zustände! Take me to the Riot!

Der Kapitalismus steckt in einem dauerhaften Dilemma. Konnte sein Charakter bisher durch ständiges Wachstum und scheinbar stetige Verbesserung der Lebensbedingen in weiten Teilen der Welt kaschiert werden, so scheint das System im Rahmen der aktuellen „globalen Krise“ langsam an seine Grenzen zu stoßen und der Wunsch nach Veränderung in einer nicht abreißenden Welle von Aufständen lauter werden als je zuvor.

Die Kompromisslosigkeit, mit der die Menschen in Teilen Nordafrikas und Asiens unter Gefahr für ihr eigenes Leben gegen ihr Regime kämpften, ebenso wie die Bilder von Straßenkämpfen aus Athen oder London können inspirierend sein, wenn Demonstrationen aus dem eigenen radikalen linken Spektrum oft schon an einer einfachen Polizeikette scheitern. Anstelle der sonst erlebten Ohnmacht und der Gleichgültigkeit weiter Teile der Bevölkerung lehnten sich Millionen von Menschen wochenlang auf, artikulierten ihren Frust und ihre Forderungen in Massenprotesten und Straßenkämpfen, die den bisher gekannten Rahmen in vielerlei Hinsicht sprengten. Proteste, die im aktuellen politischen Kontext einen Fortschritt ankündigten, aber auch Proteste von Akteur_innen, auf die bloß der eigene Wunsch nach einem radikalen Umsturz projiziert wird, obwohl deren Forderungen mitunter ganz anders aussehen. Revolten, die nicht zuletzt die Gefahr bergen, nur um der Revolte willen verherrlicht zu werden.

Denn jenseits der romantischen Überzeichnung bleiben die Aufstände, gemessen am Ziel einer progressiven, emanzipatorischen Gesellschaft, meist in den bestehenden Verhältnissen gefangen. Forderungen nach Mitbestimmung statt der Forderung nach Selbstbestimmung, Aufforderungen an Regierungen statt der Forderung nach deren Abschaffung.
Soziale Unruhen, die im aktuellen politischen Kontext legitim und notwendig sein können, aber selten über das Bestehende hinauswachsen wollen oder sogar zu regressiven Bewältigungsstrategien zurückkehren. Wenn zum Beispiel in Ägypten die islamistisch-fundamentalistische Muslimbruderschaft, aus der sich auch die Hamas gründete, den Protest mitträgt oder die initiierenden Gewerkschaften die Liebe zu ihrem Vaterland und den Wunsch nach dessen Reformation als maßgeblichen politischen Antrieb benennen, ist der Schritt zur nationalen Revolte näher als der Schritt zur Befreiung des Individuums von Unterdrückung und (selbst-)auferlegten Zwängen. Und auch die Piraterie als „lösungsorientiere Handlung“ gegen Hunger und Armut statt dem verzweifelten Kampf um die eigene Existenz, der selten progressive Charakteristika hat, zu beschönigen, ist eher Wunschdenken im Robin Hood Format als eine reale Lösung, wie die katastrophalen Verhältnisse verändert werden können.
Der Kampf gegen die Gesamtscheiße stößt zwangsläufig immer wieder an seine eigenen Grenzen. Eine konsequente Einteilung in Unterdrücker_innen und Unterdrückte, in Ideologieproduzent_innen und Opfer eben jener Ideologie gibt es nicht. Der Kapitalismus ist abstrakter. Die Personen, die vom System augenscheinlich mehr profitieren als andere, als alleinige Produzenten von kapitalistischer Ideologie an den Pranger zu stellen, verleugnet die Komplexität und die Verflechtungen innerhalb der Gesellschaft, durch die der Kapitalismus an fast allen Stellen und von fast allen Personen ständig reproduziert wird. Daher ist es ebenso inkonsequent, jeden Angriff auf Repräsentant_innen von „Regierungen und Eliten“ als antikapitalistischen Schlachtzug zu begreifen, wie sich mit jeder Revolte gegen die „Mächtigen“ blind zu solidarisieren, ohne deren Gehalt an progressiven Inhalten kritisch zu überprüfen.

Was teilweise als „linker Aufstandsfetischismus“ belächelt wird, ist dabei die Sehnsucht nach einem schnellen Ausweg aus den bestehenden Verhältnissen. Aber solange die Aktivist_innen selbst in den Grenzen der kapitalistischen Verwertungslogik gefangen sind, kann aus den Trümmern eines ausgebrannten Regierungsgebäudes keine freiheitliche Gesellschaftsordnung entstehen und kann auch ein noch so großer Aufstand Machtverhältnisse bloß verschieben, sich aber nie gegen die Gesamtscheiße richten. Es bleiben Revolutionen, die eine neue Staatsbürgerlichkeit einfordern. Das bleibt in linken Deutungen der hochgradig unterschiedlichen Revolten immer unterbelichtet. Damit werden sie nicht minder notwendig und doch wundert es schon, wenn eine Linke, die Bürgerlichkeit als Feindbild pflegt, sie hier hochleben lässt. Die Analyse bleibt beim Spektakel des Aufstandes stehen und schafft es nicht, die Deutungen mit der eigenen Praxis rückzubinden. Zusätzlich wird bei der Bewertung noch die alte anti-imperialistische Tradition wieder deutungsmächtig. Den libyschen Menschen wird oft ein progressiver Charakter abgesprochen. Grund für die Delegitimierung ist die NATO Intervention, in der einfachen wie nicht mehr aktuellen Imperialismusthese wird hier der „Charakter des revolutionären Volkes“ aberkannt. Die Bewertung der ägyptischen Revolte hingegen fällt viel zu gnädig aus: dem antisemitischen Mob und der neuen Militärdiktatur zum Trotz war dort tendenziell erstmal alles besser. Zur Verdeutlichung: Die Aufstände und Revolten waren und sind notwendig, und wenn es auch „nur“ bürgerliche Revolten sind, so werden die Verhältnisse deutlich besser für die Menschen.

Ob nun die Riots in Athen und London, die Aufstände in Nordafrika und dem nahen Osten, bei allem gilt es sich der Phänomene anzunehmen und sie ernsthaft zu bewerten. Probleme entstehen in blinden Solidarisierungen. Das Aufflammen von Revolten bedarf der strukturellen und politischen Einbettung. In der strukturellen Dimension sind alle genannten Geschehenisse Revolten, sie stellen die Macht- und Eigentumsverhältnisse in Frage. Bestehende gesellschaftliche Ordnungen werden zu Konflikten zugespitzt, die sich auch in Militanz artikulieren. Gerade diese Militanz bleibt primärer Bezugspunkt, weder die genauen Formen, noch die Veränderungsprozesse spielen in der linken Wahrnehmung eine wichtige Rolle. Aber nur weil es knallt, heißt es nicht, dass sich was ändert. Als Projektion der eigenen Marginalisierung werden die Revolten verbraucht. Der Fetisch des Mobs oder im Spektakel der brennenden Häuser zeigt sich eine Form des Unpolitischen. Alleine die Form bestimmt die Rezeption. Genau hier gilt es nicht nur Straßenkämpfer_in, sondern auch Gesellschaftlstheoretiker_in zu sein. Die Dynamiken der Konflikte müssen gedeutet werden und die entpolitisierende Rezeption zurückgedrängt werden.

In dieser Schrift stehen wir erneut an einem Punkt, an dem das praktische Handeln durch Überlegungen verbaut scheint. Aber was hier dargelegt wurde, soll keine Anklage sein, sondern vielmehr Wegmarken andeuten, um weltweite Verhältnisse einzufangen, die mehrdimensional sind, in denen einfache Gut/Böse Schemata nicht greifen, denen wir uns aber stellen müssen. Dies ist der Versuch, einen Beitrag dazu zu leisten.

Einige vom Arbeitskreis kritischer Studierender Kiel
Kiel im September 2011

Links zu den Anti-GES-Kampagnen:
http://geskiel.blogsport.de/
http://ges-ploen.blogspot.com/
http://www.andereweltistnoetig.de/wordpress/


4 Antworten auf “Diskussionsbeitrag anlässlich der Anti-GES-Kampagnen”


  1. 1 j-lo from the block 13. Oktober 2011 um 10:04 Uhr

    … kann die Kritik der Waffen nicht ersetzen: >http://geskiel.blogsport.de/2011/10/11/30/

  1. 1 Die Waffe der Kritik… « Gegen die kapitalistische GESamtscheiße! Pingback am 10. Oktober 2011 um 11:59 Uhr
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  3. 3 … kann die Kritik der Waffen nicht ersetzen. « Gegen die kapitalistische GESamtscheiße! Pingback am 13. Oktober 2011 um 13:50 Uhr
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