21.1.2010 Morus Markard: Einführung in die Kritische Psychologie

„Was ist so kritisch an der (Kritischen) Psychologie?“
(Stichwörter zum Vortrag in Kiel, 21. Januar 2010)

Wissenschaft ist insofern immer schon kritisch, als die jeweiligen Ansätze in kritischer Auseinandersetzung mit anderen Ansätzen formuliert werden. Wenn von „Kritischer Wissenschaft / Theorie / Psychologie“ die Rede ist, geht es zusätzlich um den Zusammenhang von Wissenschafts- und Gesellschaftskritik; Kritik bezieht sich hier nicht nur auf die fachwissenschaftliche Untersuchung einzelne Phänomene, sondern thematisiert deren Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Struktur:
(psychologische) Forschung als historisches Produkt und als Element der gesellschaftlichen
Totalität (vgl. das Zitat Max Horkheimers unten).

Drei Ebenen der Kritik: Funktions-, Methoden und Begriffskritik
1. Funktionskritik (an drei Beispielen)
a) Soziale Handlungskompetenz oder Anpassung
b) Psychologie und Krieg (PTSD)
c) Was bedeutet „Gesundheit“?
2. Methodenkritik
Holzkamps Kritik des Experiments: Menschliche Möglichkeiten werden auf das Reagieren auf fremdgesetzte Bedingungen reduziert
3. Begriffskritik (an zwei Beispielen)
a) Personalisierung, Eigenschaftszuschreibungen: Tendenz, objektive Beschränkungen zu subjektiver Beschränktheit umzudeuten und so „pseudo-konkret“ von gesellschaftlichen Vermittlungen individuellen Erlebens und Handelns zu abstrahieren
b) Naturalisierung (etwa im „Begabungs“diskurs): dispositionelle Deutungen von individuellen Unterschieden; Vermischung von Beobachtung und Deutung

Zwischenbilanz:
Kritisch-emanzipatorische Psychologie will jene menschlichen Möglichkeiten auf den Begriff bringen, die in der Psychologie begrifflich unterschritten und in der bürgerlichen Gesellschaft real behindert werden.
***
Über die Relevanz psychologischer Begriffe kann nicht mit den üblichen empirischen Methoden entschieden werden (Beispiele: Reiz-Reaktions-Lernen und bedeutungsvermitteltes Lernen).
***
Begrifflich-methodische Überlegungen der Kritischen Psychologie
- Handlungsfähigkeit, restriktive Bewältigungsmodi
- Prämissen-Gründe-Zusammenhänge statt Bedingungs-Ereignis-Relationen Begründungs- vs. Bedingtheitsdiskurs
- (Verborgene) Begründungszusammenhänge in nomothetisch gemeinten Theorien und das Problem der Pseudoempirie
- Zurückweisung der Redeweise von der „Irrationalität“ Möglichkeitsverallgemeinerung (Menschen existieren im Plural, aber nicht im Durchschnitt)
- Mitforschungsprinzip
***
Horkheimer, Max (1937), Traditionelle und kritische Theorie. Zitiert nach: (Ders. Traditionelle und kritische Theorie. Fünf Aufsätze, 1992, Frankfurt/M., 205-259, hier: 223f)
Kritisches Denken ist nicht nur darauf gerichtet, „irgendwelche Missstände abzustellen, diese erscheinen ihm vielmehr als notwendig mit der ganzen Einrichtung des Gesellschaftsbaus verknüpft“. Weiter schrieb er: Kritisches Denken ist nicht „darauf bezogen, dass irgend etwas in dieser Struktur besser funktioniere. Die Kategorien des Besseren, Nützlichen, Zweckmäßigen, Produktiven, Wertvollen, wie sie in dieser Ordnung gelten, sind ihm vielmehr selbst verdächtig und keineswegs außerwissenschaftliche Voraussetzungen, mit denen es nichts zu schaffen hat. Während es zum Individuum in der Regel hinzugehört, dass es … seine Befriedigung und seine Ehre darin findet, die mit seinem Platz in der Gesellschaft verknüpften Aufgaben nach Kräften zu lösen und bei aller energischen Kritik, die etwa im einzelnen angebracht sein sollte, tüchtig das Seine zu tun, ermangelt jenes kritische Verhalten durchaus des Vertrauens in die Richtschnur, die das gesellschaftliche Leben, wie es sich nun einmal vollzieht, jedem an die Hand gibt.“

Literatur:
Holzkamp, Klaus (1985): Selbsterfahrung und wissenschaftliche Objektivität: Unaufhebbarer Widerspruch?
elektronisch: www.kritische-psychologie.de/texte/kh1985b.html
Ursprünglich in: K.-H. Braun & K. Holzkamp (Hg.), Subjektivität als Problem psychologischer Methodik. 3. Internationaler Kongress Kritische Psychologie Marburg 1984. Frankfurt/M.: Campus, 16-36.
Markard, Morus (2009): Einführung in die Kritische Psychologie. Hamburg: Argument

Prof. Dr. Morus Markard
Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der FU Berlin
Habelschwerdter Allee 45
14195 Berlin
mmarkard@zedat.fu-berlin.de





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