17.06.09 Teilzeit für Alle: Die Vier-in-Einem-Persepktive (Prof. Dr. Frigga Haug)

Die Vier-in-Einem-Perspektive. Eine Utopie von Frauen, die eine Utopie für alle ist.

Dies ist ein Politikvorschlag an die neue Linke. Es geht dabei um Gerechtigkeit bei der Verteilung von Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Gemeinwesensarbeit und Entwicklungschancen. Lange Zeit wurden politische Projekte in diesen vier Bereichen getrennt verfolgt. Funktion der Verknüpfung ist es, einen Kompass zu liefern, der für die unterschiedlichen Projekte auf einen Zusammenhang orientiert und in dieser Bündelung wahrhaft kritisch, ja revolutionär ist, während jedes für sich genommen früher oder später zu versanden pflegt. Dabei wird davon ausgegangen, dass wir nicht zuwenig Arbeit haben, wie dies offiziell politisch verkündet wird und praktisch auch als Arbeitslosigkeit von so vielen gelebt wird, sondern dass wir umgekehrt in Arbeit geradezu ersticken. Der Schein von zu wenig Arbeit verdankt sich der offiziellen Nichtwahrnehmung der meisten notwendigen Tätigkeiten in der Gesellschaft, weil sie keinen Profit bringen.
Dazu gehören fast alle Arbeiten, die zwischenmenschlich geschehen, und die wir als Reproduktionsarbeit zu bezeichnen pflegen. Diese werden meist unentgeltlich und von Frauen getan. Sie betreffen alle Fragen, wie wir miteinander umgehen, mit Kindern, mit Alten, mit Kranken usw. Hinzu kommen alle Tätigkeiten, die wir zur Entwicklung unserer menschlichen Fähigkeiten benötigen. Darin ist lebenslanges Lernen ebenso eingeschlossen, wie die Entwicklung aller Sinne und der Kultur. Schließlich geht es um uns politische Wesen, darum, die wir unsere Gesellschaft gestalten wollen und müssen.
Wenn wir die vier Bereiche in etwa zu gleichen Teilen in unser Leben denken, kommt ein etwa 16-stündiger Arbeitstag heraus. Dies aber nur dann, wenn wir die so genannte Erwerbsarbeit rigoros auf 4 Stunden verkürzen. Perspektivisch erledigen sich auf diese Weise Probleme von Arbeitslosigkeit (wir haben dann weniger Menschen als Arbeitsplätze) mitsamt Prekariat und Leiharbeit – so gesprochen gehen alle einer Teilzeitarbeit nach, bzw. der Begriff hat aufgehört, etwas sinnvoll zu bezeichnen, und wir können uns konzentrieren auf die Qualität der Arbeit, ihre Angemessenheit an die menschliche Verausgabung ihrer Fähigkeiten.
Es versteht sich von selbst, dass alle einzelnen über ein ausreichendes Einkommen zum Leben verfügen und dass sie ebenso in jedem der vier Bereiche sich betätigen: in der Erwerbsarbeit, in der Sorgearbeit um sich und andere, in der Entfaltung der in ihnen schlummernden Fähigkeiten, schließlich im politisch-gesellschaftlichen Engagement. Probeweis kann man dies auch so ausdrücken, dass jeder Mensch in die Lage versetzt wird, sein Leben so einzurichten, dass er oder sie je vier Stunden in jedem dieser Bereiche pro Tag verbringt.
Die politische Kunst liegt in der Verknüpfung der vier Bereiche. Keiner sollte ohne die anderen verfolgt werden, was eine Politik und zugleich eine Lebensgestaltung anzielt, die zu leben umfassend wäre, lebendig, sinnvoll, eingreifend, und lustvoll genießend. Dies ist kein Nahziel, nicht heute und hier durchsetzbar, doch kann es als Kompass dienen für die Bestimmung von Nahzielen in der Politik, als Maßstab für unsere Forderungen, als Basis unserer Kritik, als Hoffnung, als konkrete Utopie, die alle Menschen einbezieht und in der endlich die Entwicklung jedes einzelnen zur Voraussetzung für die Entwicklung aller werden kann.

Versuchen wir also der Hartnäckigkeit, mit der sich Frauenbenachteiligung in Erwerbsarbeit über Jahrhunderte hält, auf die Spur zu kommen, indem wir uns dem so aufdringlichen Befund der Arbeitsteilung im Großen der Gesellschaft zuwenden. Betrachten wir die eigentümliche Positionierung, die der Produktionssektor im umfassenden Sinn gegenüber dem der Reproduktion hat. Während es im letzteren um das Wesentliche menschlichen Lebens, Geburt und Aufzucht, Sorge für Behinderte und Kranke, ja auch um die Wiederherstellung der Natur geht, erscheint dieser Bereich unter kapitalistischen Verhältnissen als marginal, unwichtig, ein Störfaktor oder als hoffentlich abnahmebereiter Konsumbereich. Über ihm bläht sich der Produktionssektor auf, in dem die Lebensmittel hergestellt und organisiert werden, und wird bestimmend, weil in ihm Profite gemacht werden, die Ziele kapitalistischen Wirtschaftens sind. Zugleich ist kein Leben ohne Lebensmittel, insofern bilden die beiden Bereiche einen „Trennungszusammenhang“. Keiner kann ohne den anderen. Die Grenzen um die Bereiche sind scharf gezogen. „Wo man arbeitet, ist man nicht zuhause und wo man zuhause ist, arbeitet man nicht“, konnte Marx bei der Analyse der entfremdeten Arbeit sagen und fasste so das Auseinander von Kräfteverausgabung in der Lohnarbeit und Zielfindung im häuslichen Glück. Der Satz regte Feministinnen auf, weil sie natürlich sehr wohl wussten, dass Zuhause gearbeitet wird, wenn auch nicht so sehr von Männern. Die feministische Kritik verfehlte damals, dass der Satz vornehmlich dem Trennungszusammenhang galt. Arbeit sollte so sein, dass man in ihr sich Zuhause fühlen könnte und das Zuhause so, dass sinnvolle Arbeit stattfände – das hätte beides geändert, die Arbeit und das Heim und vor allem die Gewohnheit, sie einander entgegenzusetzen, es hätte also die Durchquerung der Grenzen empfohlen.
Der Blick auf die Über- und Unterordnung der Bereiche von Produktion und Reproduktion kann die Hartnäckigkeit der Frauenbenachteiligung in den gesellschaftlichen Verhältnissen verorten und festhalten: Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse (vgl. grundlegend F. Haug, Geschlechterverhältnisse in HKWM). Die umfassende These ist: Zwei einander überlagernde Herrschaftsarten bestimmen den Fortgang der Geschichte: die Verfügung einiger über die Arbeitskraft vieler in der Lebensmittelproduktion und die Verfügung der (meisten) Männer über weibliche Arbeitskraft, Gebärfähigkeit und den sexuellen Körper der Frauen in der ›Familie‹. Das widersprüchliche Ineinander bewirkt, dass die Entwicklung des Gemeinwesens zugleich mit der Zerstörung seiner Grundlagen voranschreitet, gestützt und getragen durch Geschlechterverhältnisse. Vereinfacht: solange eine Gesellschaft die Frage ihrer Reproduktion nicht gesellschaftlich geregelt hat, wird Frauenbenachteiligung hartnäckig fortbestehen. Sie ist vielfältig moralisch abgesichert.
Unser Blick hat sich von der Fixierung auf Erwerbsarbeit gelöst, indem auch Reproduktionsarbeit als Arbeit diskutiert wurde. Im Ineinander der Arbeitsarten treten weitere Tätigkeiten in den Blick. Da ist die Arbeit an sich selbst, alle schlummernden Fähigkeiten zu entfalten. Es geht auch darum, das eigene Leben als Kunstwerk zu begreifen und sich nicht einfach in den Konsumbereich abschieben zu lassen, als wäre Konsument eine mögliche Individualitätsform. Die Entfaltung eigener schöpferischer Möglichkeiten ist ein Ziel, das in der Diskussion um Frauenbenachteiligung in Arbeit und Lohn nicht vorkommt. Und doch weiß ein jeder, dass die Geschichtsbücher wimmeln von den Taten und Künsten ^großer Männer^^, nicht von Frauen und wundert sich nicht genug. Und weiß auch auf den zweiten Blick, dass die Überforderung, die durch das leicht gesprochene „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ entsteht, auf jeden Fall dazu führt, dass an so etwas wie kreative künstlerische Betätigung, wie Klavierspielen oder Malen, Tanzen oder Dichten, Theaterspielen oder Singen usw. nicht einmal zu denken ist. Vom lebenslangen Lernen schon gar nicht zu sprechen.
Dass diese drei Bereiche getrennt wahrgenommen und ihre Grenzen geschützt werden, dafür sorgt umfassend die einschneidende Trennung, die der Politik vom übrigen gesellschaftlichen Leben. Dass die Gestaltung der Gesellschaft eine eigene arbeitsteilige Funktion ist, ein Geschäft für Spezialisten, in das sich die kleinen Menschen nicht einmischen sollten, fällt spätestens in der Weltwirtschaftskrise als ungeheuerliche Trennung und praktisch als Katastrophe in das Leben der Einzelnen. Die Trennung also der Ökonomie von der Politik ist Grundlage, dass die vielen Menschen „unbefugt“ in einer Gesellschaft leben, deren Ungerechtigkeiten sie also passiv ertragen müssen.
Dass dies nicht so bleibt, dafür ist nachhaltige Umordnung angesagt. Im Projekt „Die Vier-in-einem-Perspektive“ habe ich ausgearbeitet, dass Politik heute heißen muss, die vier Tätigkeitsbereiche zusammenzufügen, die Grenzen zwischen ihnen einzureißen, die entsprechenden Haltungen zu ändern. Das Modell ist ein Eingriff ins Zeitregime der alltäglichen Lebensweise, in die Vorstellung von Gerechtigkeit, die auf die Teilung der Gesamtarbeit bezogen ist, ins Konzept der Menschenwürde, die sich auf erfülltes Leben bezieht und aufhört, eine bloß moralische Kategorie zu sein und in die Vorstellung von Demokratie, die nicht auf der Basis von bloßer Stellvertreterpolitik denkbar ist, sondern als Beteiligung aller am politischen Leben der Gesellschaft.
Das Konzept ist eine Aneignung und Fortentwicklung von Luxemburgs revolutionärer Realpolitik. Es verbindet eine Perspektive – das integrierte Leben in allen vier Bereichen – mit alltäglicher Realpolitik. Insofern erhöht es die politische Handlungsfähigkeit in den Tageskämpfen um Reformen und verändert sie durch Ausrichtung auf die umfassende Perspektive. Vom Standpunkt des gesamten Lebens und seiner menschlichen Führung wird in der Politik um Arbeit Leitlinie die radikale Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit für alle auf ein Viertel der aktiv zu nutzenden Zeit, perspektivisch erledigen sich auf diese Weise Probleme von Arbeitslosigkeit (wir haben dann weniger Menschen als Arbeitsplätze) mitsamt Prekariat und Leiharbeit – so gesprochen gehen alle einer Teilzeitarbeit nach, bzw. der Begriff hat aufgehört, etwas sinnvoll zu bezeichnen, und wir können uns konzentrieren auf die Qualität der Arbeit, ihre Angemessenheit an die menschliche Verausgabung ihrer Fähigkeiten.
Für die Reproduktions-Familienarbeit bedeutet dies zuallererst eine Verallgemeinerung. So wie niemand aus der Erwerbsarbeit ausgeschlossen sein kann, so auch nicht aus der Reproduktionsarbeit – alle Menschen können und sollen hier ihre sozialen menschlichen Fähigkeiten entwickeln.
Es ist der Sinn, die Verknüpfung der Bereiche als notwendige Grundlage einer emanzipatorischen Politik zu fassen. In dieser Vier-in-Einem-Perspektive tauchen die Frauen anders auf als üblich – diesmal an Schlüsselstellen. Die Perspektive kann derzeit vom Frauenstandpunkt gesprochen werden, weil sie es sind, die den Reproduktionsbereich, also den Standpunkt des Lebens so wichtig nehmen, dass sie ihn nicht vergessen können bei der Planung des Lebens; sie sind es zugleich, die den Erwerbsarbeitsbereich nicht so wichtig nehmen, dass sie ihn allein für das Zentrum halten können; es ist dringlich, dass sie mit der Selbstaufopferung aufhören und ihre eigene Entfaltung in ihre Hände nehmen; sie müssen sich in die Politik einmischen, weil sie für die Gestaltung ihres und anderer Leben „den Staat von unten nach oben umkehren“ müssen – wie Brecht (1930/1967, S. 830) dies sprach.
Keiner der Bereiche sollte ohne die anderen verfolgt werden, was eine Politik und zugleich eine Lebensgestaltung anzielt, die zu leben umfassend wäre, lebendig, sinnvoll, eingreifend, und lustvoll genießend, so dass endlich die Entwicklung jedes einzelnen zur Voraussetzung für die Entwicklung aller werden kann.





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