Script zum Vortrag „Das Verhältnis von Theorie und Praxis der Situationistischen Internationalen“

Zum situationistischen Verständnis von Theorie und Praxis

Das, was alle alltäglich tun, ist: Lohnarbeit, Schule, Studium, Reproduktion der Geschlechterverhältnisse, Konsum, Freizeit etc. Nur ein sehr kleiner Teil davon wird gewöhnlich“Praxis“ gefasst, nämlich in einem kleinen Teil der Freizeit, im politischen Engagement. Dort nun scheint beständig das „Über-Ich“ zu verlangen, dass ES jetzt mal endlich praktisch werden muss – anstatt der Reflexion der alltäglichen Praxen Raum zu geben und genau diese als Beginn einer bewussten Praxis zu begreifen.
Bei den üblichen linken Vorstellungen des »Politikmachens« ist der Vermittlungszusammenhang von Theorie und Praxis ein gebrochener, wenn nicht gar ein zerbrochener. Das grundlegendes Verhältnis von Theorie und Praxis ist in aller Regel verkehrt und zutiefst borniert. Allerorts findet sich in linken Kreisen zwar ein Wille zur Veränderung des Bestehenden, der sich aber zumeist unkritisch und pragmatistisch an ein Set unmittelbar vorgefundener Handlungsschemata und konzeptualisierter Aktionsformen heftet. Die verschiedenen Konzepte wie Antifa-Feuerwehrpolitik, Kommunikationguerilla, go.stop.act!, Bündnispolitik, Innenstadtkampagnen, Hausbesetzungen, handlungsabstinenter Rätismus, kaderparteiförmige Organisierung, Theorieschulungen, Demotourismus, Organisation von soziokulturellen Zentren und Kulturvereinen etc. stehen dabei entweder »bunt und vielfältig« aditiv nebeneinander oder sie treten in ein Konkurrenzverhältnis zueinander; mal stehen die einen hoch im Kurs und mal die anderen. Je nach Mode und Gustus werden die einen als »old school« bewertet oder gar bekriegt und die anderen als der »letzte Schrei« gehyped. Ständig werden mit alten Konzepten in neuen Kleidern Erwartungen geweckt und wieder enttäuscht. Was bleibt, ist die »Wiederkehr des Immergleichen«, die Endlosschleife zwischen Voluntarismus und Attentismus, Enthusiasmus und Enttäuschung, Bewegung und Stillstand. Je einzeln betrachtet, scheinen gute Gründe für die einzelnen Aktionsformen zu sprechen; sie bekommen selbstredend immer wieder situative Relevanz (wenn z.B. wieder mal ein Naziaufmarsch bevorsteht, Rassismus grassiert oder einfach nur Kommunikationsorte geschaffen werden müssen). Doch im Krieg der gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt sind die Rollen der Akteure wohl verteilt und die Dramaturgie der Ereignisse scheinen vorgezeichnet. Die verschiedenen Seiten reagieren auf der Theaterbühne des sozialen Kriegs mit ihren jeweiligen »bewährten« Mitteln. Der wirkmächtige Schein dieses Theaters wird nicht zuletzt durch die Rituale üblicher linker Aktivitätsformen, durch die Simulation von Aktivität miterzeugt und zementiert (jüngstes Beispiel dafür sind die Mobilisierungen und Aktionsformen gegen den G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm).
Damit verbunden, entleert sich auch die Frage nach einer gesellschaftsverändernden Organisierung wahlweise in der üblichen Vernetzung „pseudorevolutionärer Trümmerhaufen“ [Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels § 220] zu einer feuerwehrpolitischen Bündnispolitik einerseits und andererseits in einer partei- oder kaderförmigen Organisation, welche den Schein der Widerständigkeit hierarchisch institutionalisiert, repräsentiert und Hoffnungen wie Tätigkeiten bindet. Die Frage nach einer emanzipativen Organisierung wird aber ihrer geschichtlichen Substanz beraubt, wenn sie nicht in den Zusammenhang einer geschichtlichen Reflexion gestellt wird. Die Niederlagen bisheriger Organisationsmodelle müssen einer nüchternen Bilanz unterzogen und die eigenen Organisationsvorstellungen immer wieder selbstkritisch reflektiert werden, ansonsten „ist die Frage der Organisation lediglich eine verdummende Abstraktion, ein Verbrechen der Kritik“ [Nexialistische Internationale].
Wenn mit der Formbestimmung »revolutionär« eine irreversible Umgestaltung oder Umwälzung bezeichnet werden soll, dann kann auch gesagt werden, dass die konjunkturelle Wiederkehr der linken Praxisvorstellungen gerade das Gegenteil einer »revolutionären Praxis« sind. Zwar kann die Frage, ob etwas »revolutionär« ist immer nur im Nachhinein beantwortet werden, aber dennoch kann zumindest schon vorab geklärt werden, was nicht revolutionär ist. Ein Hauptmerkmal des üblichen linken Pragmatismus ist, dass sein Theorie-Praxis-Verhältnis auf dem Kopf steht. Dadurch erweist es sich schon von vornherein als nichtrevolutionär. Das Theoriemoment existiert dabei zumeist nur, um die subjektivistisch erwählten und für gut geheißenen Praxisformen zu rechtfertigen oder ihnen eine konkrete Handlungsanleitung zu unterlegen. Eine »Theorie der Praxis« setzt aber eine »Praxis der Theorie« voraus. Letzteres Moment wird aber selten als eine Praxis verstanden, was in der Regel daran liegt, dass Theorie und Praxis in der Vorstellung der linken Köpfe als etwas voneinander unabhängiges und getrenntes erscheinen. Daraus resultieren sehr oft Forderungen dahingehend, dass Theorie und Praxis irgendwie zusammengebracht werden müssten, z.B. indem der Praxis ein theoretischer Anstrich gegeben wird, oder dass Theorie praxisrelevanz haben müsse, um nicht »weltfremd« zu sein.
Es sollte sich dann zeigen, dass eine »revolutionäre Praxis« eben keine sein kann, die unmittelbar mit der Tat beginnt, sondern eine, die wie die Situationist_innen um Guy Debord herausgearbeitet haben, sich permanent selbstkritisch reflektiert, das Theoriemoment also das die Praxis übergreifende Allgemeine sein muss. Laut Debord bekämpft eine »revolutionäre Praxis« zwar die Duldsamkeit in allen ihren Formen, ist dabei aber nicht ungeduldig, sondern versteht es zu warten.
Worin ist die Aktualität der situationistischen Kritik gegeben? Zunächst in einer Haltung als proletarisierte und prekarisierte Menschen, die sich unabhängig davon, ob und wie sich die Lohnabhängigen als Klasse momentan gerade verhalten, bestimmte Kriterien auferlegen wollen, um sich zu einer Theoretiker- und Experimentator_innengruppe für den Communismus zu assoziieren. Adorno begründete diese „Anweisung“ an den kollektiven Kritiker: „So nur vermag die Theorie, die Schwere des historischen Daseins der Einsicht ins Gegenwärtige zugute kommen zu lassen, ohne der Last resigniert selber zu erliegen.“ [TWA8:374.] Diese Kriterien drückten sich in den Forderungen der SI-Mitglieder an sich selbst ungefähr als folgende Fragen aus:
Wie lösen wir das Verhältnis von ästhetischer und gesamtrevolutionärer Praxis?
Wie also betreiben wir die Kritik der Trennungen von Kunst, Kultur, Politik und Ökonomie?
Wie gehen wir die Vermittlung von revolutionärer Theorie und Praxis an?
Was folgt aus der Kritik von kopfloser, blinder, routinemäßiger oder aktionistischer Pseudopraxis und kontemplativer, doktrinärer oder akademischer Theorie?
Wie behandeln wir die Organisationsfrage?
Was lernen wir daraus, dass der voluntaristische Spontaneismus, der Verzicht auf die revolutionäre Organisation schlechthin, wie auch alle hierarchischen Organisationsformen, welche „die Entfremdung […] in entfremdeten Formen bekämpfen [GdS§50] wollen, schließlich immer zur Konterrevolution bzw. zum Scheitern geführt haben?

Mit dieser anspruchsvoll selbstkritischen Haltung, die eine unbedingte Modernität einklagt, sind zugleich folgende Momente der situationistischen Kritik unabgegolten, die als theoretische Untersuchungsaufgaben zu bewahren sind – wenngleich sie auch nicht einfach 1:1 übernommen werden können, sondern jeweils aktualisiert werden müssen:
1)die Kritik der spektakulären Warengesellschaft,
2)die Kritik der Proletarisierung der Welt,
3)die Kritik des alltäglichen Lebens,
4)die Kritik der Geschichte revolutionärer Anläufe und ihres Scheiterns.
Schließlich muss die situationistische Kritik selbst grausam-gründlich ohne jegliche Illusion kritisiert werden, muss auf ihre Begrenztheit und Zeitgebundenheit geprüft werden und müssen vor allem ihre „blinden Flecken“ benannt werden. Um die situationistische Kritik zu aktualisieren, muss sie überwunden werden, was eine kollektive Überprüfung ihrer so genannten Revolutionstheorie nötig macht.

In ihren historischen Analysen geht es der SI vor allem darum, „das Verfahren um die verlorene Geschichte wieder aufzunehmen, sie zu retten und wiederzufinden.“ Dies geschieht in vielen desillusionierenden Aufarbeitungen der Traumata revolutionärer Anläufe. In einer Formulierung unter dem Titel „Adresse an die Revolutionäre Algeriens und aller Länder“ von 1965 bringt die SI ihre grausam-gründliche Bilanz der proletarischen Revolutionsanläufe im 20. Jahrhundert auf den Punkt: Für die Revolutionäre „ist es zuerst notwendig, die Niederlage des gesamten revolutionären Projekts im ersten Drittel unseres Jahrhunderts in ihrem ganzen Ausmaß und ohne irgendeine tröstende Illusion zu erkennen, sowie ebenso seine offizielle Ersetzung, in jeder Region der Welt wie auch in allen Bereichen, durch einen verlogenen Schund, der die alte Ordnung nur verdeckt und ausstattet. Die Herrschaft des bürokratischen Staatskapitalismus über die Arbeiter ist das Gegenteil vom Sozialismus: Dieser Wahrheit hat der Trotzkismus nie ins Gesicht blicken wollen. Sozialismus gibt es nur dort, wo die Arbeiter selbst unmittelbar die gesamte Gesellschaft verwalten; es gibt ihn weder in Russland noch in China noch anderswo. Die russische und die chinesische Revolution wurden von innen besiegt. Sie sind heute für das westliche Proletariat und die Völker der Dritten Welt ein falsches Modell, da sie in Wirklichkeit die Macht des bürgerlichen Kapitalismus, des Imperialismus ausbalancieren.“ Mit diesem schonungslosen Fazit führte die SI eine psychoanalytische Technik in die Geschichtsaufarbeitung ein, die sich als bewusste „Trauerarbeit“ kennzeichnen lässt. Der Demoralisierung und Betäubung durch die Niederlagen der proletarischen revolutionären Anläufe hielt die SI unbeirrbar die psychoanalytische Erkenntnis entgegen, dass im Verdrängen die Wiederkehr des Verdrängten schon vorprogrammiert ist. Für die historische Bewusstmachung in der Arbeit des Erinnerns betont die SI die Klärung der Fronten zwischen Repräsentation und Repression auf der einen, der offiziellen Seite der Geschichte der Sieger, und den gesellschaftlichen Triebkräften der radikalen Bedürfnisse und des revolutionären Begehrens auf der anderen Seite, die in den Untergrund, in die Subversion verbannt und für lange Zeit verdrängt worden sind. So gibt sich die SI selbst folgendes geschichtskritische Programm vor: „Man muß die klassische Arbeiterbewegung wieder illusionslos studieren lernen, und vor allem klaren Kopf bewahren gegenüber den verschiedenen Arten der politischen und pseudo-theoretischen Erben, denn diese haben nur ihre Fehlschläge geerbt. Die augenscheinlichen Erfolge dieser Bewegung sind ihre fundamentalen Fehlschläge (der Reformismus oder die Errichtung einer staatlichen Bürokratie), und ihre Fehlschläge (die Pariser Commune oder die Revolte in Asturien) sind bisher ihre aufschlußreichsten Erfolge für uns und für die Zukunft.“

Die situationistische „Praxis der Theorie“ besteht eben nicht darin, in positivistischer Weise eine Revolutionstheorie zu schreiben, diese der Welt zu präsentieren und die Menschen davon missionarisch zu überzeugen. Sondern es geht ihr darum, das unbewusste, verdrängte, verloren geglaubte revolutionäre Begehren des gesellschaftlichen Individuums mit seinen subversiven Praxen innerhalb der spektakulären Warengesellschaft aufzuspüren, es illusionslos zu dechiffrieren und in einer kohärenten Sprache auszudrücken. Das revolutionäre Forschungsprogramm der SI lässt sich mit folgenden Fragen charakterisieren:
Wie konnte es gesellschaftshistorisch zum Verdrängen der revolutionären Begierden und zum Unsichtbarwerden des Proletariats kommen?
Welche gesellschaftlichen objektiven und subjektiven Mechanismen sind dabei am Wirken?
Welche gesellschaftlichen Verhältnisse und Praxisformen verhindern tendenziell eine „Rückkehr des Verdrängten“ bzw. arbeiten der Verdrängung zu?
Die SI versuchte die objektiven wie subjektiven Verdrängungsmechanismen zu entschlüsseln und zur Sprache zu bringen. Sie sah die Notwendigkeit einer Bedürfnistheorie in Verbindung einer Theorie moderner Subjektivität mit historischem Klassenbewusstsein, die eine Art revolutionärer Psychoanalyse zur Grundlage haben muss. Und sie versuchte dem gesellschaftlichen und historischen Verdrängungswiderstand durch „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ – so die Freudsche Formel – entgegenzuarbeiten. Hierin kann die Aktualität der situationistischen Kritik gesehen werden, da die zyklischen Mechanismen und Formen, welche die objektive Möglichkeit einer proletarischen Revolution verhüllen, damals wie heute im wesentlichen dieselben geblieben sind, wie sich im Vergleich von Adornos „Reflexionen zur Klassentheorie“ von 1942 mit Debords Ausführungen 25 Jahre später in seinem Buch „Die Gesellschaft des Spektakels“ zeigt, die frappierende Ähnlichkeiten aufweisen. Daran zeigt sich aber auch zugleich der gravierende Ausfall der situationistischen Analyse der kapitalistischen Geschichte. Er besteht im Ausblenden oder Übergehen des gattungsgeschichtlichen Bruchs, welcher unmittelbar während und nach Adornos „Reflexionen zur Klassentheorie“ mit der Shoah eingetreten ist. Die Geschichte ist seitdem nicht einfach als „Geschichte der Klassenkämpfe“ weiterzutreiben, und die Gesten müssen hinsichtlich der proletarischen Ambivalenz dechiffriert werden. Eine „Kritik der Geschichte“ die sich diesem Bruch radikal stellt, wendet sich damit in die Kritik der situationistischen Kritik selbst.

Die Shoah markiert einen Bruchpunkt, ab dem die Welt für konventionelles linkskommunistisches Denken nicht mehr entziffert wird; das gilt auch für die Situationisten, obwohl ihr analytisches Instrumentarium doch in den Kämpfen gegen die Verstaatlichung der Arbeiterbewegung und die Zerschlagung der Räte, gegen den Leninismus und seine Diktatur über das Proletariat es ermöglicht hatte, sich auf die richtige Seite zu schlagen (anstatt auf die ‚Geschichte der Sieger‘). Aber der linke Kommunismus, der von der Shoah nichts wissen wollte oder zumindest nichts, was er nicht immer schon „gewusst“ hätte, besiegelte mit dieser Borniertheit auf den überkommenen „Standpunkt der Arbeiterklasse“ auch nur die historische Niederlage einer revolutionären Arbeiter_innenbewegung, von welcher der Antisemitismus nur in den seltensten Fällen angemessen bekämpft worden war. Um weiterhin das bleiben zu können was er war, musste der linke Kommunismus und so auch die SI verdrängen, was nicht in sein Geschichtsbild passen wollte: die Shoah war und ist für ihn ‚kein Thema‘. So steht dem bürgerlichen Standpunkt, der vom Antisemitismus reden und vom Kapitalismus schweigen will, nur seitenverkehrt ein sogenannter „Klassenstandpunkt“ gegenüber, der nur vom Kapitalismus redet und von „Auschwitz und Ähnlichem“ im Grunde schweigen will. Damit verunmöglicht er sich aber das, was doch gerade von der SI stets eingefordert worden war: das gesamte Ausmaß der Niederlage der Revolution im 20. Jahrhundert wahrzunehmen. Der Linkskommunismus und auch noch die SI sind nach diesem Bruch selbst Teil der Verfallsgeschichte des Geschichtsbewusstseins geworden; ihre geschichtswirksamen Erkenntnisse für die Kapitalismuskritik müssen für zukünftige revolutionäre Anläufe gegen sie und vor ihnen gerettet werden, indem die ganze Dimension der Antisemitismuskritik nicht weiter unterschlagen wird, und wenn die Ignoranz der Kapitalismuskritik gegenüber der Antisemitismuskritik nicht fortgeschrieben wird. Viel zu oft verfolgte das vermeintliche Klassenbewusstsein, ob „sozialrevolutionär“ oder „marxistisch“ geprägt, von seinem bornierten verdinglichten sogenannten „Arbeiterstandpunkt“ aus mit Gleichgültigkeit, wie die antisemitische Konterrevolution zu triumphieren drohte. […] So gut wie nie nahm jene historische Gestalt des „Klassenbewusstseins“ den Antisemitismus als Angriff auf sich selbst und damit auf die Möglichkeit der proletarischen Revolution wahr.“ Denn sein Standpunktdenken begreift das Proletariat nicht als ambivalenten Prozess. Schon die Unempfindlichkeit, jene Kälte der modernen Arbeiter_innenbewegung gegenüber den Opfern der zeitgleich mit ihr im 19. Jahrhundert aufkommenden modernisierten Form der Judenfeindschaft, verweist schmerzhaft auf das noch folgende epochale Versagen vor dem Nationalsozialismus im 20. Jahrhundert. Die SI hat die revolutionäre Kohärenz zum Schlüsselbegriff und zum Hauptkriterium ihrer theoretischen und praktischen Kritik gemacht. Das heißt aber, dass die Kritik der Totalität des Unwahren endgültig seit der Shoah die radikalste Antisemitismuskritik von der radikalsten Kapitalismuskritik nicht mehr trennen kann. Die geschichtliche Katastrophe bewirkt aber eine Stillstellung der Revolutionsgeschichte zusammen mit der Gattungsgeschichte der Menschheit, im Sinne von Walter Benjamin: „Die Katastrophe ist, dass es ‚so weiter’ geht wie bisher“. Eine revolutionäre Kohärenz kann weder dekretiert noch umstandslos fortgeschrieben werden: Der Vorhang der Kohärenz ist zerrissen Was einmal eine Geschichte des Fortschritts gewesen schien, welche durch die Klassenkämpfe früher oder später zum guten Ende, der quasi unabwendbaren Überwindung des Kapitalismus vorangetrieben werde, ist falsifiziert. Aufgrund der Niederlage des communistischen Anlaufs, auf dem historischen Trümmerfeld der doppelten Konterrevolution (stalinistische und nationalsozialistische), wurde die Vernichtung der Jüdinnen und Juden im Zugriffsbereich des eliminatorischen deutschen Antisemitismus möglich. Beide Ereignisse – das Abwürgen der revolutionären Arbeiterbewegungen und die Vernichtung der Jüdinnen und Juden – fallen auseinander. Es kann nicht ohne weiteres gelingen, sie zusammenzudenken. Schon 1940 stellte Adorno eine gigantische historische Verschiebung fest, als er an Horkheimer schrieb: „Oftmals kommt es mir vor, als wäre all das, was wir unterm Aspekt des Proletariats zu sehen gewohnt waren, heute in furchtbarer Konzentration auf die Juden übergegangen. Ich frage mich, ob wir nicht […] die Dinge, die wir eigentlich sagen wollten, im Zusammenhang mit den Juden sagen sollten, die den Gegenpunkt zur Konzentration der Macht darstellen.“ Was die Begründer der kritischen Theorie „eigentlich hatten sagen“ wollen, waren die Bedingungen der Möglichkeiten für die Aufhebung der Macht des Kapitals durch ein revolutionäres Proletariat. Die Verschiebung der ganzen Wucht der Konterrevolution und der Barbarei „aller bisherigen Gesellschaftsordnung“ vom revolutionären Proletariat (nach dem Ersten Weltkrieg) als dem so genannten „Weltfeind“ auf die Juden (im Zweiten Weltkrieg) als den so genannten „Weltfeind“ gelang NS-Deutschland in der Tat mit einer „deutschen Gründlichkeit“ ohnegleichen, indem es das „Judentum“ als Phantasma für die proletarische Weltrevolution und Subversion ebenso wie für die bürgerliche Weltzivilisation und kapitalistische Moderne einsetzte und physisch zu vernichten begann. Die Katastrophe, mit der Deutschland die Gattungsgeschichte zerriss, ist somit nicht allein die Niederlage der proletarischen Revolution und auch nicht allein der Bruch der bürgerlichen Zivilisation, sondern sie ist „überdeterminiert“, so wie der deutsche eliminatorische Antisemitismus in seinem wahnhaften „Antikapitalismus“ und „Antikommunismus“ zugleich „die Juden“ überdeterminiert. Mit dieser Feststellung ist jedoch der Fetischismus, den die Projektion und Fixierung auf das „Judentum“ darstellt, noch keineswegs enträtselt: sprechen Marx und Adorno von einer „Alltagsreligion“, so ist damit die Aufgabe für die Kritik der mörderischsten, bösartigsten pathologischen Massen-Fetischform erst gestellt, und von dieser Fragestellung aus ist auch das gesamte situationistische Projekt kritisch zu beleuchten und zu hinterfragen, um einen erneuten Anlauf zur Beendigung der menschlichen Vorgeschichte nehmen zu können.

Im folgenden wollen wir nun eine kurze Darstellung der situationistischen Theorie-Praxis-Konzeption geben. Ich setze hier die situationistische Sprachkritik als Bedingung ihrer Proletaritätskritik
Wichtig ist mir hierbei, dass die SI an die Marxsche Engführung von Bild-, Sprach- und Ökonomiekritik direkt wieder angeknüpft hat. In der diskursiven Ausdrucksform der wertförmigen Produktionsweise findet sie die erstarrte Machtstruktur des Klassenverhältnisses: die gesellschaftliche Logik der Wertformgleichungen (Gleichsetzung im und durch das Handeln der Menschen) regelt die ökonomisch-gesellschaftlichen Praxen ähnlich, wie die Syntax und Semantik die Verbal- und Textsprache (Interaktion im Sprachhandeln der Menschen) regeln. Wie im Wertspiegel das gesellschaftliche Handeln der Menschen und ihre Produkte verdinglicht werden, so versucht der sprachliche Ausdruck dieses Handelns, die ideologische Grammatik der herrschenden Gesellschaft, die Bedeutungen und Beziehungen der Worte zu verdinglichen, d.h. zu fixieren. Die Sprache des Kapitals versucht über die des Werts hinaus nicht nur die Beziehung freier und gleicher Rechtssubjekte (Wareneigentümer) als gleichsam naturgegebene festzuklopfen, sondern den Verwertungsprozess ideologisch zu reproduzieren. Sie verdunkelt und naturalisiert damit zugleich das grundlegende Klassenverhältnis und seinen Zweck, die Produktion um der Produktion willen und zwar von Tauschwerten. Wertausdruck und trinitarische Formel drücken sich also allgegenwärtig im Sprachhandeln der modernen Menschen als Worte und Bilder der hieroglyphischen Spiegelschrift der kapitalistischen Warenproduktion aus: als die „offizielle Sprache des Spektakels“ wie Guy Debord schreibt.
Bei der Strukturanalogie von fremdbestimmten Lohnarbeiter_innen und ideologisch determinierten Worten, Sätzen und Bedeutungen kann die situationistische Sprachkritik besonders aggressiv ansetzen. Sie versucht die Sprache der spektakulären Warenproduktion schon auf der Ebene der Verbal- und Textsprache, der herrschenden Semantik und Syntax, zu kippen, zu zertrümmern und experimentell in Bewegung zu bringen (ein Programm, mit dem im 20. Jahrhundert DaDa begonnen hatte, und das die Lettrist_innen, Vorläufer_innen der SI, zu erneuern und zu radikalisieren versuchten). „Jede revolutionäre Praxis hat das Bedürfnis nach einem neuen semantischen Feld und der Bestätigung einer neuen Wahrheit gefühlt.“
Die „Macht“ wird von der situationistischen Sprachkritik aus der erweiterten Reproduktion des verkehrten Subjekt-Objekt-Verhältnisses versuchsweise in die Dynamik von Kampf und Krieg der Klassen getrieben. So wie Lewis Carolls »Alice« zeitgleich mit Marx (und entwendet von der SI) die diskursive Ökonomie kritisiert, indem sie sich auf das Spielfeld der Schach-Strategie »hinter dem Spiegel« versetzt.
Die SI stellt die Machtfrage schon in der Sprache, wie sie die Machtfrage zwischen den Klassen neu stellt. Denn die bestehende „Koexistenz der Worte“ mit der herrschenden Macht der spektakulären Warenproduktion ist der SI zufolge „vergleichbar mit der Beziehung, die die Proletarier“ mit ihr eingehen: Sie „arbeiten für die herrschende Organisation des Lebens“, sind „fast immer beschäftigt, im vollen Sinn und Unsinn ganztägig benutzt“, sind entfremdet usw. Die Worte sind in der herrschenden Sprache in den Dienst der gesellschaftlichen Produktionsweise gestellt. Zerstückelt und spektakulär zusammengesetzt erscheinen sie in verkehrter, fetischistischer Form: „In der Organisation der Sprache ist es zu einer solchen Verwirrung gekommen, daß die von der Macht erzwungene Kommunikation sich als Lug und Trug entpuppt.“
Die SI führt damit aus den Ansätzen der diskursbornierten Sprachkritik hinaus und spitzt sie direkt auf Proletarität und Praxis zu. „Indem die Sprachspezialisten behaupten, dass ‚die Wirklichkeit in der Sprache liegt’, oder dass ‚die Sprache nur an sich selbst und für sich selbst betrachtet werden kann’, schliessen sie daraus auf die ‚Objektsprache’ und die ‚Sachworte’ und ergötzen sich am Lob ihrer eigenen Verdinglichung. Das Modell des Dings wird vorherrschend, und noch einmal findet die Ware ihre Verwirklichung, ihre Dichter. Die Theorie des Staates, der Ökonomie, des Rechts, der Philosophie, der Kunst, alles hat jetzt diesen Charakter einer vorsorglichen Apologie.“ Und die situationistische Sprachkritik scheut den Analogieschluss zwischen der historischen Stelle der „gefesselten Worte“, der „Worte und ihrer Arbeitgeber“ und der historischen Stelle der proletarischen Kämpfe nicht: der Kampf um die Begriffe ist Dimension des Klassenkriegs, die darin rekuperierten „Worte sind wie die Waffen der Partisanen, die auf einem Schlachtfeld zurückgelassen wurden: sie fallen in die Hände der Konterrevolution; und wie Kriegsgefangene sind sie dem Regime der Zwangsarbeit unterworfen.“ Die Sprachkritik der SI war insofern strategisch, als sie aus der historischen Defensive des revolutionären Proletariats heraus die „Wiederkehr des Verdrängten“ zur Sprache brachte, in einer Zeit, wo das revolutionäre Vermögen dieser Klasse endgültig begraben schien. Sie berief sich auf „die irreduziblen Momente“ des historischen Seins des „Erlebten“ in den Kämpfen und führte aus: „Unter der Kontrolle der Macht bezeichnet die Sprache immer wieder etwas anderes als das Erlebte. Gerade darin besteht also die Möglichkeit einer vollständigen Kritik.“
Unter der Verschüttung durch die „ungeheure Warensammlung“, die zugleich als ungeheuerste Ansammlung von Bildern, Lebens- und Sprachklischees, Kultur- und Kunstprodukten erscheint, „drückt unser Wörterbuch das Qualitative und den möglichen und noch abwesenden Sieg aus, das Verdrängte der modernen Geschichte (das Proletariat) und die Rückkehr des Verdrängten.“
Wie die SI „Proletariat“ als „das Negative in der Moderne“ wiederfindet, so die kritische Sprache in der Moderne als „den aufrührerischen Stil der Negation.“Die SI zählt de Sade, Lautréamont, Rimbaud, Baudelaire, James Joyce, Lewis Carroll und andere als klassisch-moderne Vorläufer auf, wendet sich aber gegen ihre antiquarische Wiederbelebung.
Immer geht es ihr dabei um Aneignung, Plagiat, Entwendung, Zweckentfremdung etc. Da die SI nie von einer „Abschaffung der Arbeit“ phantasiert, sondern mit Marx nüchtern feststellt, dass es sich bei der Aufhebung der Proletarität um die Emanzipation der Arbeit und aller Arbeitenden handelt, fasst sie die zu befreiende Sprache auch nicht als Heideggersches „prison-house of language“, sondern als Dimension der „Revolution im Dienste der Poesie“. Sprache wird situationististisch als Ensemble aller Kulturobjektivationen begriffen und nicht als bloß referenzlose Zeichen, „Zeichen von Zeichen“, zusammenbrechende Signifikantenketten usw.
Die „Wiederkehr des Verdrängten“, d.h. die Negation der Negation durch Proletariat und Sprache, kann sich nur als Aneignung der gesellschaftlichen Raum-Zeit in Praxis umsetzen. Die situationistische Sprach- und Kunstkritik versucht die Beschränkung auf bloße „Überbauphänome-ne“ aufzubrechen und ästhetische wie sprachliche Vermittlungen aus bloßer Ideologie zur „Waffe der Kritik“ und zur „Kritik der Waffen“ in der gesellschaftlichen Basis, dem ganzen alltäglichen Leben zu machen. Sie bringt einen historisch-emphatischen Begriff von „Sprache“ erneut in Anschlag: Sprache nicht als bloße „Information“, sondern als entgrenzte Kommunikation in der Bedeutung von „bewaffnetem Dialog“ und revolutionärer „Poesie“, die nicht bei papierenen „Anweisungen“ bleibt, sondern sich im gesellschaftlichen Raum materiell zu vergegenständlichen sucht. Denn „was ist die Poesie anderes als der revolutionäre Moment in der Sprache, der sich als solcher nicht von den revolutionären Momenten der Geschichte und der Geschichte des persönlichen Lebens trennen lässt?“Die situationistische „Denunziation eines totalen Verschwindens der Poesie in den alten Formen“ geht einher mit der „Ankündigung ihrer Rückkehr in unerwarteten und wirksamen Formen.“ Ähnlich wie für Adorno, so „handelt es sich heute für die S.I. um eine Poesie zwangsläufig ohne Gedichte.“

Das Schicksal des Surrealismus schien gezeigt zu haben, wie schnell die Praxis von „Poesie“, „Revolution“, „Kunst“ und Sprache selbst zu Ideologie erstarren kann, wenn sie als getrennte Domänen nicht wirklich aufgehoben werden: das surrealistische Programm, Kunst und Alltagsleben „im Dienste der Revolution“zusammenzuführen, war spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg gescheitert. Die SI dagegen stieß sich als Ergebnis der lettristischen Auseinandersetzungen von der Fixierung der Surrealisten auf die Bilderwelten der visuellen Künste ab und kehrte die Parole um in das Programm: „Die Revolution im Dienste der Poesie“Das bedeutet für die SI das Gegenteil der Phrase „Die Phantasie an die Macht!“ (die man ihr nach 1968 rekuperatorisch angehängt hat). Umgekehrt soll die Macht des ästhetischen Vermögens der Menschen als Aufhebung der Kunstsphäre durch die Verwirklichung der nichteingelösten Kunstversprechen gesellschaftlich zur Geltung gebracht werden: „Nehmt eure Träume und macht sie zur Realität“.
Aus der Belagerung der Pariser Commune knapp entronnen, schreibt der sechzehnjährige Rimbaud programmatisch:(Brief 13.5.1871) „Ich werde ein Arbeiter sein: das ist die Überlegung, die mich hier zurückhält, auch wenn ein furchtbarer Zorn mich in die Schlacht von Paris treibt – wo ja noch immer so viele Arbeiter sterben (…) Jetzt arbeiten? Niemals, niemals. Ich streike! (…) Ich will ein Poet sein, und ich arbeite an mir, um aus mir einen Seher zu machen: (…) Es geht darum, durch ein Entgrenzen aller Sinne im Unbekannten anzukommen.“
Im Sinne der Rimbaudschen „Entgrenzung“ setzte die SI mit ihrer Alltagskritik praktisch als Kritik des kapitalistischen Urbanismus an. Die Konzeption hatte sie schon in der lettristischen Vorphase ausgehend von Ivan Chtchegloffs Entwurf der Methode einer „Psychogeographie“ in Verbindung mit der Technik der „dérives“ entwickelt, d.h. ein Umherschweifen in den Stadtlandschaften, um die psychologischen Wirkungen sowie die communistischen Umgestaltungsmöglichkeiten des vorfindlichen Urbanismus zu erforschen. Zusammen mit dem „Détournement“ (Entwendung, Zweckentfremdung, Plagiat) führte die SI diese Techniken in mediale „Aktionsformen gegen Politik und Kunst“ kohärent zusammen.
Das situationistische Postulat, „alles neu zu erfinden“, hat weder mit den diversen konstruktivisti-schen Spielarten noch mit poststrukturalistischer „Dekonstruktion“ zu tun, sondern ist am ehesten mit Walter Benjamins Auffassung von der Aktualisierung des Unabgegoltenen der Geschichte der Besiegten in „der konkret-geschichtlichen Situation (…) des Jetztseins (Wachseins!)“ und vom „dialektischen Bild“ verwandt: „Die Konstruktion setzt die Destruktion voraus“. Um inmitten der spektakulären Zeit der Pseudo-Ereignisse (Moden) „das revolutionäre Projekt einer klassenlosen Gesellschaft, eines verallgemeinerten geschichtlichen Lebens“ und „das Programm einer totalen Verwirklichung des Communismus“ wieder scharf zu machen wie einen Blindgänger, bezieht die SI immer wieder die Aktualität der Pariser Commune auf die Moderne der Sixties, insbesondere des Urbanismus, „als ein positives Experiment, dessen ganze Wahrheit noch nicht entdeckt und vollendet ist.“ Die durch und durch geschichtsbewusste Entwendung und Zweckentfremdung der aktuellen Formen und Moden des Urbanismus teilt die SI mit dem Postulat W.Benjamins: „diese dialektische Durchdringung und Vergegenwärtigung vergangener Zusammenhänge ist die Probe auf die Wahrheit des gegenwärtigen Handelns. Das heisst: sie bringt den Sprengstoff, der im Gewesenen liegt (und dessen eigentliche Figur die Mode ist) zur Entzündung.“ Die situationistische Technik des Détournement re-konstruiert z.B. die vorfindlichen Comix im Unterschied „zur Pop-art, welche die Comix zerstückelt. Wir haben es im Gegenteil darauf abgesehen, den Comix ihre Größe und ihren Inhalt wiederzugeben.“
Als strategische Momente zur „Konstruktion von Situationen“ sollen diese Techniken allen damit spielerisch Experimentierenden als kohärente Assoziation ermöglichen, „sich erst den revolutionä-ren Ausgangspunkt zu schaffen, die Situation, die Verhältnisse, die Bedingungen, unter denen allein die moderne Revolution ernsthaft wird.“ Mittels solcher entwendenden, experimentellen Wiederaneignung und Herstellung von Kohärenz könnten sich auch die Proletarisierten selbst als gesellschaftliches Subjekt rekonstruieren, d.h. sich aus ihrem Objektstatus, der Situation passiver Betrachter_innen spektakulärer Vergegenständlichungen (Architektur, Werbeästhetik, visuelle Medien etc.) aktiv emanzipieren und ihre Ohnmacht überwinden.
Durch diese Strategie des Spielens würde sich ein raum-zeitlicher Aneignungsspielraum entlang der Taktik von „Stützpunkten“ (SI) eröffnen, wo schon im Hier und Jetzt die fremdbestimmte Arbeit angegriffen und dagegen die Perspektive von „travail attractif“ (Fourier, Marx) sinnlich evident aufgerissen wird. Dabei geht es nicht um ein Sich-Einrichten in temporären Wohlfühlzonen, sondern um ein bewusst katastrophistisches Beschleunigungskonzept.
In der Taktik des Einanderzuarbeitens von sinnlich evokativer Zweckentfremdung der spektakulären Bilder (Destruktion) und Versprachlichung der verdrängten und vorbewussten „inneren“ Bilder kann aus jeder Situation heraus eine Selbstorganisierung zur revolutionären „Klasse des Bewusstseins“ begonnen werden. Bedingung für eine Konstruktion der revolutionären Situation ist allererst das Lesenlernen, das Dechiffrieren der hieroglyphischen gesellschaftlichen Praxisformen und ihre Deutung als Theoriebildung.
Durch die „Praxis der Theorie“ und schließlich „die Theorie der Praxis, […] indem sie zu praktischer Theorie wird“ könnten die Leute ihre unbewusste Angst überwinden „vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke“ (Marx). In dieser historisch-praktischen Spannung, in der sich die SI lediglich als bewusstes, versprachlichendes Element begreift, ist sie „also weder eine politische Bewegung noch eine Soziologie der politischen Mystifikation. Sie beabsichtigt, der höchste Grad des internationalen revolutionären Bewusstseins zu sein. Deshalb bemüht sie sich darum, die Verweigerungstaten und die Zeichen der Kreativität, welche die neue Gestalt des Proletariats umreissen, und den unerbittlichen Willen zur Emanzipation zu erhellen und zu koordinieren.“

Die situationistische Kritik hat damit einen Konstruktionshorizont sichtbar gemacht. Der globale Handlungsspielraum, den die „Konstruktion von Situationen“ eröffnet, fordert nun die theoretische Konzentration auf das vertrackte Subjekt-Objekt-Verhältnis im proletarischen Sein und Bewusstsein. Wie kann das Bewusstsein der potenziellen Subjekte zum „übergreifenden Moment“ für das gesellschaftliche Sein werden, wie es Marx ausgedrückt hätte?

Der Zusammenhang der Entwicklungslinien «Produktivkraftentfaltung», «Begierdenentwicklung» und der Subjektkonstituierungsprozess des «revolutionären Proletariats» muss hier zusammenfas-send herausgestellt werden. Denn auch die revolutionäre Praxis, ihre Organisierung und die revolutionsstrategische Theorie hängen im wesentlichen von diesen drei verschlungenen historischen und gesellschaftlichen Entwicklungslinien ab.
Mal untergründig verdrängt, mal offen zu Tage tretend, zielen die Begierden letztlich darauf ab, die gesellschaftlichen Trennungen und Entfremdungen zu überwinden. Die Genese und der Entfaltungs-spielraum der Begierden sind aber abhängig von der Produktivkraftentwicklung; sie sind nicht einfach von vornherein gegeben. Denn erst wenn etwas objektiv möglich ist, kann es (im
Gegensatz zum bloß phantastisch bleibenden Wunsch, i.S.v. «wishful thinking») Gegenstand des revolutionären Begehrens werden. Des weiteren bildet die Produktivkraftentwicklung die Grund-
lage für die objektive Möglichkeit der Menschwerdung des Menschen, sein zunehmendes Gesellschaftlichwerden und das Zurückweichen der Naturschranken. Obgleich von den Menschen
nicht bewusst gesteuert, ist dies allerdings kein mechanisch-automatischer Prozess, sondern vorwärtsgetrieben durch die Klassenkämpfe und gehemmt durch ihr Scheitern. Insofern kann diese Entwicklung auch nicht als eine lineare gefasst werden, sondern ist gekennzeichnet durch Brüche, Verwerfungen und Ungleichmäßigkeiten. Die Begierden sind dabei zugleich Antrieb und Ziel.
Erst dieser gesamte Vermittlungszusammenhang von «Produktivkraftentwicklung – Begierden – Klassenkampf» bringt den Communismus als eine «wirkliche Bewegung» hervor, der damit in
keinster Weise als ein bloßes Ideal gesetzt ist. [Vgl. MEW3: 35, MEW4: 143,357].
Alle situationistischen Forschungspraxen sind strategisch auf diesen Zusammenhang, den der Bedingungen der Möglichkeit proletarischer Selbstorganisierung und der Verwirklichung der Begierden gerichtet. Dies kennzeichnet das besondere Theorie-Praxis-Verhältnis im Verständnis der SI: «Die neue revolutionäre Theorie muß mit der Wirklichkeit Schritt halten, das heißt sie muß der revolutionären Praxis gewachsen sein, die hier und dort aufbricht, auch wenn noch partiell, entstellt und ohne kohärentes Gesamtprojekt.»

An die in Vergessenheit geratenen radikalen Bedürfnisse und ihre Rolle in der Marxschen Kritik angeknüpft zu haben, die Bedeutung der Begierden wieder entdeckt und ihren Zusammenhang mit
den Kampfbedingungen des revolutionären Proletariats aufgezeigt zu haben, ist das revolutions-theoretische Verdienst der SI. Der große Mangel der meisten Revolutions- und Organisationsvor-stellungen liegt v.a. darin, die Rolle der Begierden für die Klassenkämpfe und damit die besondere historische Bedeutung der Klassenkämpfe selbst in ihrer Wirkungsweise für die menschliche Entwicklung missachtet bzw. verfehlt zu haben. Dies hat dann schon von vornherein zur Folge, die wirkliche Bewegung weder erfassen zu können, noch mit ihr begrifflich – sowohl in ihrem Progress als auch in ihrem Regress – «Schritt halten» zu können. Die weitere Folge daraus ist, den Communismus als bloßes Ideal zu setzen oder gar als eine Art religiös-projektives Bild zu halluzinieren, d.h. in Erwartung eines Reichs der Glückseligkeit, chiliastisch alle Hoffnungen auf ein Jenseits bzw. auf ein «Reich der himmlischen Gerechtigkeit auf Erden» zu verlagern.

Ohne eine konkrete Erforschung der Begierden – als Indikatoren für die Virulenz des Communis-mus – bleibt die revolutionäre «Theorie der Praxis» abstrakt. Daraus ergibt sich in der Regel ein
prinzipienloser Utilitarismus, dessen strategische Ausrichtung sich in rein taktischen Nützlichkeitserwägungen verliert und bei dem letztlich zu fragen ist, was denn das Ziel seiner Zwecksetzungen sein soll. An dieser Stelle wird dabei meist völlig abstrakt «die Revolution» oder wahlweise «die freie Gesellschaft», «der Kommunismus» (hier nicht als wirkliche Bewegung, sondern als reines Ideal gedacht), «unsere Utopie» oder ein sonstiger Platzhalter gesetzt. Derartige Zwecksetzungen verbleiben im Ideellen, indem sie nicht der wirklichen geschichtlichen Bewegung entspringen, sondern im Gegenteil davon abgekoppelt und darum abstrakt sind.
Zugleich lässt sich aufgrund dieser Abstraktheit schließlich jedes konkrete Vorgehen, flankiert von geeignet scheinenden rhetorischen Mitteln, rechtfertigen. Die Praxis droht dabei willkürlich zu
werden, zur selbstzweckhaften Pseudopraxis zu verkommen.
Entweder resultiert daraus ein realpolitischer Pragmatismus oder ein spontaneistischer und idealistischer Voluntarismus. Der realpolitische Pragmatismus kann als reformistischer Minimalismus bzw. Possibilismus (z.B. Sozialdemokratie oder Ökologiebewegung) erscheinen, aber auch als stalinistischer bzw. trotzkistischer Terror. Er lässt sich von der Devise der pseudokonkreten Machbarkeit im Sinne eines «Unmittelbarismus» opportunistischer «Machtpolitik» leiten. Der idealistische Voluntarismus stellt dagegen ein maximalistisches Traumtänzertum dar, das immer und überall die Möglichkeiten zur totalen Revolution sehen möchte und seine eigene Wirksamkeit beständig überschätzt, dabei oftmals in blinden Aktionismus verfällt. Etliche anarchistische Vorstellungen sind davon gekennzeichnet [GdS§§92-94]. Auf der Seite des spontaneistischen Voluntarismus hingegen sind jakobinistische, leninistische, trotzkistische aber auch bündnispolitische Organisationsvorstellungen vertreten, die im Proletariat lediglich eine passive Masse sehen (welche es zeitweilig in seinem Stadium des Ansichseins ja durchaus auch ist), die es zu organisieren gilt. Sie sehen sich zwar als Teil des Proletariats, aber zugleich in eine äußerliche «Avantgardeposition» versetzt. Aufgrund dieser selbst gesetzten «avantgardistischen» Pseudo-stellung wird dem wirklichen Selbstorganisationsprozess des Proletariats eine Organisationsform von außen – deshalb fremdbestimmt – übergestülpt: Es etabliert sich eine «Repräsentation» des Proletariats.306 Diese läuft entweder auf eine Parteiform hinaus, deren FührerInnen sich als Avantgarde des Proletariats fühlen und stilisieren, oder aber auf eine Bündnisform, die alle
«pseudorevolutionäre[n] Trümmerhaufen» [GdS§220] zu vernetzen versucht. Die Vorstellung einer Avantgardepartei als adäquate Organisationsform des Proletariats hat sich in der Geschichte der
Klassenkämpfe zur Genüge selbst diskreditiert. Aber auch die «Bündnispolitik», die heutzutage hoch im Kurs steht, ist keine wirkliche proletarische Selbstorganisierung, sondern deren spektakulärer Schein. Denn hierbei werden lediglich alle verkehrten Organisationsformen auf kleinstem gemeinsamen Nenner miteinander verknüpft und «vernetzt» und sich damit der Anschein einer wirklichen Bewegung gegeben.307 Gleichzeitig stellt das Netz der Bündnisform einen Tummelplatz diverser Parteiorganisationen dar, die darin entristisch308 ihre jeweiligen Vorstellungen, die sie ja schließlich für avantgardistisch halten, durchboxen, durchsetzen oder (heimlich bis offen) unterschieben möchten.
All diesen Vorstellungen gemeinsam ist, dass sie unabhängig von der Entwicklung und der momentanen Daseinsweise der konkreten wirklichen Bewegung des Proletariats, seiner Begierden
und Kämpfe, von der fixen Idee getrieben sind, dass auf jeden Fall immer irgend «etwas getan» werden muss. Es ist diese Ungeduld (auch wenn sie in der Pseudogeduld des Reformismus daher-
kommt), die den Pragmatismus und alle voluntaristischen Formen miteinander verbindet. Der «Wille» als zentrale Kategorie und die Betonung der Macht einer kleinen, aber entschiedenen Gruppe stehen im Zentrum aller voluntaristischen Vorstellungen, sei dies offen, wie in den Parteikonzeptionen, oder versteckt, wie in den netzartigen Bündnisformen.

Die SI begriff sich als einen aktiven Teil des proletarischen Selbstorganisationsprozesses, als Teil der negativen, «wirklichen Bewegung», als Teil der «Schattenseite» der Gesellschaft und ihre
praxisrelevanten Ideen als das «Produkt der Geschichte der Klassenkämpfe». [Die wirkliche Spaltung §2]. Als Organisation war die SI insofern nichts anderes «als der konzentrierte Ausdruck einer geschichtlichen Subversion, die überall ist». [DwS§2]. Niemals ging es ihr um eine Repräsen-
tation des Proletariats. Was somit als die «situationistischen Ideen» bezeichnet werde, sei «nichts anderes als die ersten Ideen der Periode, in der die moderne revolutionäre Bewegung wieder in Erscheinung tritt». [Ebd.]
Die besondere Leistung der SI bestand darin, die historisch entstandenen kritisch-theoretischen Momente revolutionstheoretisch kohärent ausgedrückt zu haben und die bereits «spukenden» Ideen auf den Begriff gebracht zu haben. Die «Praxis der Theorie», die «Theorie der Praxis» und alle damit verbundenen Vorstellungen über Strategie, Organisation etc. sind nur dann kohärente Ausdrucksformen der «wirklichen Bewegung», wenn sie mit dieser geschichtlichen Bewegung «Schritt halten» (SI), wirksam verbunden sind und bleiben.
Das heißt jedoch nicht, dass es zwischen einer Revolutionstheorie und ihrer Praxis nicht zu ungleichmäßigen Entwicklungen kommen kann. So weist die Geschichte der Klassenkämpfe einerseits immer wieder Phasen auf, in denen die Theoriebildung einer blind tastenden Praxis weit vorauseilt. Das Wissen und das methodische Vorgehen der theoretischen Kritik stellen selbst einen Teil der historisch-gesellschaftlichen Produktivkraftentwicklung dar. In den Klassenkämpfen drücken sich Begierden aus, welche innerhalb des objektiven Möglichkeitsspielraumes der Produktivkraftentwicklung entstehen. Aber erst im geschichtlichen Kampf ist die Möglichkeit vorhanden, dass sich die revolutionäre Theorie in ihrem Wahrheitsgehalt als praktische Theorie erweisen kann.

Die zentrale Fragestellung der «Theorie der Praxis» bleibt die Frage der Organisation. Denn, so Debord, «die Herausbildung der proletarischen Klasse als Subjekt ist die Organisation der revolutio-
nären Kämpfe und die Organisation der Gesellschaft im revolutionären Augenblick: hier müssen die praktischen Bedingungen des Bewußtseins vorhanden sein, in denen sich die Theorie der Praxis
bestätigt, indem sie zu praktischer Theorie wird». [GdS§90].
In dieser Hinsicht verstand die SI ihre eigene Rolle, die sie in diesem Prozess spielte, weder darin, dass sie mit einer geschlossenen «Theorie der Praxis» und insofern mit starren konkretistischen Organisationskonzepten aufwartete, noch darin, dass sie passiv auf die allumfassende Krise, «den großen Kladderadatsch» (Marx u. Engels) wartete und die Frage der Organisierung dem Prozess selbst überantwortete. Sie wollte auf der Grundlage dessen, was ihr möglich war – und das waren die kritischen Forschungen ihrer «Praxis der Theorie» hin zu einer «Theorie der Praxis» –, Mittel, Methoden, Begriffe etc. bereitstellen, die dem Ziel, den Selbstorganisationsprozess des Proletariats zu befördern, dienlich sind. D.h., in den Worten von Debord: «Wir haben einfach Öl hingebracht, wo Feuer war.» [Debord1985: 70]. Bezeichnend an der Metapher von Debord ist, dass die SI-Konzepte und Ideen, die sie sich aufgrund ihrer geschichtskritischen Untersuchungen angeeignet hat, eben nicht als «Feuer» bezeichnet werden, die die potenziellen Revolutionsbegierden des
Proletariats erst entzünden müssten. Das Proletariat und seine Begierden werden somit nicht als ein passives Potenzial betrachtet, das es zu organisieren gilt, das geschult und dem das Kämpfen erst
beigebracht werden muss. Vielmehr konstituiert es sich aufgrund des Potenzials seiner Begierden als Agens im Klassenkampf, dessen Möglichkeitsspielraum erweitert werden kann.
Die Forschungsaufgaben der SI waren genau darauf gerichtet, diesen Möglichkeitsspielraum, z.B. durch die Entwendung geeigneter Mittel, und das Bewusstsein mittels theoretischer Kritik zu
erweitern und somit das Potenzial der Klassenkämpfe – jenseits einer bevormundenden Repräsentation – zu erhöhen. Die theoretische Kritik darf «keine Wunder von der Arbeiterklasse» erwarten [GdS§203], mahnt Debord zur Geduld: «Sie betrachtet die Neuformulierung und Verwirklichung der proletarischen Forderungen als eine langwierige Aufgabe.» [Ebd.] Während der Phase des proletarischen Ansichseins, die für die revolutionären, ihrer selbst bewussten Proletarisierten eine «Praxis der Theorie» notwendig macht, ist nach Meinung der SI verständige Geduld angesagt. Dies bedeutet jedoch gerade keine handlungspraktische Abstinenz.

Wie bereits dargestellt wurde, können die Konstruktion von Situationen, der dérive und das
Detournement, verstanden als Forschungsweisen, wichtige Beiträge zur Gesellschaftskritik leisten. Durchaus können sich auf dieser Grundlage auch kleinere alltagsorganisatorische «Stützpunkte»
(Vaneigem) entwickeln lassen, die die Widersprüche im spektakulären Alltag sichtbar werden lassen. Allerdings sollte in revolutionsstrategischer Hinsicht an diese nicht eine allzu übertriebene
Erwartungshaltung angelegt werden, indem sie etwa von vornherein zu Keimzellen einer zukünftigen Gesellschaft hochstilisiert werden. Im Gegenteil gilt auch hier, dass die verständige Kritik der «Praxis der Theorie» zu enttäuschen wissen muss; sie muss entstandene utopische Hoffnungen wie sogenannte «konkrete Utopien» – weil diese sich in der Katastrophe des spektakulären Kapitalismus glauben einrichten zu können – immer wieder desillusionieren. Insofern ist sie bewusst katastrophistisch. Sie muss das Verständnis dafür bereitstellen, nicht einer revolutionären Ungeduld zu verfallen, sondern die Spannung des Unerträglichen zu ertragen und aushalten zu helfen, nur um sie bewusst weiter revolutionär aufzuladen. Denn jegliches voluntaristisch-aktionistisches Überspringenwollen des Ansichseins sondert sich zwangsläufig von der «wirklichen Bewegung» ab, wird dadurch abstrakt und ist aufgrund dieser Trennung selbst schon spektakulär. Diesem «abstrakte[n] Wille[n] zur sofortigen Wirksamkeit» entgegengesetzt, muss – wie Debord betont – «die über das Spektakel hinausgehende Kritik […] vielmehr zu warten verstehen». [GdS§220].

Sobald aber absehbar wird, dass sich das Proletariat zu einer Klasse-für-sich entwickelt, d.h. wenn die Proletarisierten sich mehr und mehr für eine Verwirklichung revolutionärer Begierden einsetzen, bis sie massenhaft um ihre Verwirklichung kämpfen, besteht die vorwiegende Aufgabe einer revolutionären Assoziation darin, die «Theorie der Praxis» voranzutreiben und das «Öl» dem proletarischen «Feuer» zuzuführen. Sie wirkt als ein Teil des Proletariats an dessen Selbstorganisationsprozess mit und muss dabei notwendigerweise ihre eigene Organisationsform mit verändern. Die Organisationsvorstellungen und die mit ihnen verbundene «Theorie der Praxis» müssen prinzipiell offen und entwicklungsfähig bleiben.
Die Theorie kann zwar konkrete Vorschläge anbieten, muss aber gleichzeitig immer auf deren Möglichkeitscharakter hinweisen und darf sie daher nicht als alternativlos präsentieren. Des Weiteren besteht ihre Aufgabe darin – ihren Möglichkeiten gemäß – genau aufzuzeigen, was eben nicht möglich, nicht wünschenswert und in gegebenen Situationen nicht opportun ist. Wobei sie auch hierin ihre eigenen Grenzen kennen muss. In beiden Fällen stellt sich die «Theorie der Praxis» nicht positivistisch, sondern negativ dar: im ersten Fall als Vorstellung von Alternativmöglichkeiten, die den Schein einer Notwendigkeit negieren; im zweiten Fall als Negationsprozess in kritischer Funktion auch in Anbetracht ihrer eigenen Grenzen: «Die revolutionäre Theorie […] ist denen verwehrt, die die beruhigenden Gewißheiten der Ideologie wollen, einschließlich der offiziellen Gewißheit, standhafte Feinde jeder Ideologie zu sein.» [DwS§46].
Das letztgültige Kriterium, nach dem die Theorie der Revolution der SI zufolge beurteilt werde, ist, «dass ihr Wissen eine Macht werden muß.» [DwS§46]. Dieses Wissen und das zu-warten-Verstehen ist das genaue Gegenteil von Langeweile, die ja bekanntlich «immer konterrevolutionär» ist [vgl. BE: 119/SI1: 267]. «Langeweile haben wir, wenn wir nicht wissen, worauf wir warten», schreibt schon Walter Benjamin.
Die «Theorie der Praxis» hat zudem die kritische Funktion, auf die Gefahr der Rekuperation revolutionärer Mittel hinzuweisen, welche in allen historischen Klassenkämpfen immer wieder statt-
gefunden hat. Es gibt keine Garantie dafür, dass die Waffen der Kritik nicht von den AgentInnen des Spektakels in umgemodelter Form gegen den Klassenkampf eingesetzt werden können. Sie werden immer wieder rekuperiert werden und zur Modernisierung des Spektakels beitragen, darauf hat die SI ständig aufmerksam gemacht. Weder darf eine solche Gefahr unterschätzt werden, noch sollte sie in eine praxislähmende Furcht vor der Rekuperation münden, so wie ein Kaninchen auf die Schlan-ge starrt. Gerade bei der Frage der Rekuperation erweist sich eine möglichst genaue Einschätzung des momentanen Stands der proletarischen Kämpfe als hilfreich. Die aktive Gelassenheit des «savoir attendre» ist bei der «Theorie der Praxis» zu bewahren. Sie drückt sich bei der SI in
Bezug auf die Möglichkeit der Rekuperation so aus: «Genau wie das Proletariat können wir nicht behaupten, unter den gegebenen Verhältnissen nicht ausbeutbar zu sein. Nur soll dies auf das Risiko
der Ausbeuter geschehen.» [BE: 168/SI2: 86].
Die revolutionäre Theorie muss ein solches Risiko einzuschätzen verstehen; dabei ist eine solche Theorie immer «die Domäne der Gefahr, die Domäne der Ungewißheit.» [DwS§46]. «Ungewissheit» ist hierbei nicht mit «Unwissenheit» zu verwechseln. Das Wissen um die Ungewissheit der Theorie beweist ihr undogmatisches Reflexionsniveau, das ihre eigenen Grenzen einzuschätzen weiß. Es bezeichnet ihre prinzipielle Offenheit und Entwicklungsfähigkeit. Die Unwissenheit dagegen ist in Bezug auf die «Theorie der Praxis» entweder «die Unwissenheit über die Organisation», die damit «die zentrale Unwissenheit über die Praxis» ist [DwS§45]. Oder: «wenn sie gewollte Unwissenheit ist, drückt sie lediglich die ängstliche Absicht aus, sich aus dem
geschichtlichen Kampf herauszuhalten». [Ebd.] Diesen Haltungen gegenüber sind die als revolutionäres Proletariat Handelnden in der geschichtlichen Situation einer Revolution gezwungen, «alle ihre Kräfte einzusetzen und sofort auch alle Risiken auf sich zu nehmen». [DwS§48].

Für die konkrete Art der revolutionären Organisation kann es keinen Masterplan und keine absolute Gewissheit geben. Die situationistische Revolutionstheorie muss damit all jene enttäuschen, die von ihr darauf konkrete Antworten erwarten. Wie die SI klar macht, wird sie «von den verschiedenen Momenten des Kampfes definiert […]. Man kann von ihr nicht sprechen, wenn man von den Kräften abstrahiert, die sie hier und jetzt einsetzt, oder von der umgekehrten Aktion ihrer Feinde.» [DwS§47].
Aus der Geschichte der Klassenkämpfe – aus ihren temporären Erfolgen und ihren Fehlern – lassen sich lediglich einige allgemeine Bestimmungen über den möglichen Charakter der proletarischen
Selbstorganisierung herleiten: «Dort, wo sie sich als die Form selbst der sich revolutionierenden Gesellschaft organisieren, sind die proletarischen Versammlungen egalitär, nicht weil sich in ihnen alle Individuen mit dem gleichen Grad geschichtlicher Intelligenz befänden, sondern weil sie gemeinsam wirklich alles zu tun haben, und weil sie gemeinsam alle Mittel besitzen.» [DwS§48].

Die Verwirklichung der Begierden, die Verwirklichung des menschlichen Gattungsvermögens, das erst die freie Entwicklung der individuellen Persönlichkeit hin zu einem gesellschaftlichen
Individuum zulässt, das als Subjekt seine eigene Geschichte in die Hand nehmen und zugleich auch an der gesellschaftlichen Konstruktion und permanenten Revolution mitwirken kann, erfordert
schon im Ansatz die Auflösung aller entfremdeten Verhältnisse und die Überwindung aller verkehrten spektakulär-fetischistischen Formen. Es ist dies eine «Selbstemanzipation», die sich, wie Debord dies ausdrückt, «von den materiellen Grundlagen der verkehrten Wahrheit» befreit [GdS§221]. «Diese ‹geschichtliche Aufgabe … die Wahrheit des Diesseits zu etablieren› kann weder das isolierte Individuum noch die den Manipulationen unterworfene, atomisierte Menge vollbringen, sondern immer noch die Klasse, die fähig ist, die Auflösung aller Klassen zu sein, indem sie die Macht auf die entfremdungsauflösende Form der verwirklichten Demokratie zurückführt, auf den Rat, in dem die praktische Theorie sich selbst kontrolliert und ihre Aktion sieht. Nur dort, wo die Individuen ‹unmittelbar mit der Weltgeschichte verknüpft sind› ; nur dort, wo sich der Dialog bewaffnet hat, um seinen eigenen Bedingungen zum Sieg zu verhelfen.» [GdS§221].

Biene Baumeister Zwi Negator

(vorgestellt am 29.04.2009 auf Einladung des Arbeits- und Aktionskreises kritischer Studierender Kiel http://akkiel.blogsport.de/)

Zum Gegenlesen empfehlen wir auch:

Theodor W. Adorno: Marginalien zu Theorie und Praxis
http://www.copyriot.com/sinistra/reading/agnado/adorno02.html

Biene Baumeister Zwi Negator: Kritik der Politik und revolutionäre Realpolitik
http://phase2.nadir.org/rechts.php?artikel=571&print=

Hauptsächlich zitierte Quellen:

Situationistische Internationale, Vol. 1/2 [SI1/2] http://www.si-revue.de

Der Beginn einer Epoche [BE] http://www.edition-nautilus.de/

Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels [GdS] http://www.geocities.com/situ1968/spektakel.html

S.I.: Die wirkliche Spaltung in der Internationalen [DwS]
http://adk.atspace.com/situationistische_internationale.html

Marx-Engels-Werke [MEW]

Theodor W. Adorno Werke [TWA]





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