03.06.2009 Düstere Aussichten – Die Zukunft der Demokratie in der Weltgesellschaft – Prof. Dr. Hauke Brunkhorst

Düstere Aussichten – Die Zukunft der Demokratie in der Weltgesellschaft
(Sieben Thesen)

1. Der subjektive Geist der großen Verfassungsrevolutionen des 18. Jahrhunderts hat seine erste objektive Gestalt im modernen Nationalstaat gefunden. Sie ist bis heute das Paradigma demokratischer Rechtsstaatlichkeit geblieben. Dieser Staat, ob demokratisch oder nicht, war von Anfang an ein administratives Ungeheuer, ein bürokratischer Überwachungs- und Kontrollstaat, ein Staat entfesselter Exekutivmacht. Aber im Zuge seiner Demokratisierung, die ihm und den jeweils herrschenden Klassen in fortgesetzten sozialen Kämpfen, Revolutionen und Kriegen schließlich abgestrotzt worden ist, hat dieser Staat nicht nur die unkontrollierten Kettenreaktionen unter Kontrolle gebracht, die durch die Abspaltung der großen Schicksalsmächte des modernen Lebens, der desozialisierten Religion (Weber) vom klerikalen Universalstaat, der freien Arbeits-, Geld und Immobilienmärkte (Polanyi) vom Schichtungssystem und der politischen Exekutivmacht (Marx) von herrschaftlicher Gewalt ausgelöst worden sind. Der Nationalstaat – so meine erste These – hat nicht nur die administrative Macht zur Kontrolle der entfesselten Produktivkraft Kommunikation hervorgebracht, sondern diese Macht auch erfolgreich eingesetzt, um zumindest innerhalb seiner Grenzen Ungleichheit auszuschließen, die Garantie gleicher individueller Rechte politisch umzusetzen, egalitäre Partizipationschancen zu ermöglichen und gleichen Zugang zu Markt- und Bildungschancen, zu Wohlfahrts- und Versorgungsminima zu gewährleisten. Dem demokratisierten und verrechtlichten Nationalstaat ist es im Verlauf des nicht nur totalitären 20. Jahrhunderts schließlich gelungen,
(1) Die von den protestantischen Motivationskrisen und Revolutionen des 16. und 17. Jahrhunderts entfesselte Freiheit der Religion zusammen mit der Freiheit von der Religion in politischen Teilhaberechten zu verankern und damit Aufklärung und Religion als Quellen nationaler Solidarität zu erschließen,
(2) durch demokratisches Staatsorganisationsrecht, das mehr noch als die Menschenrechte die eigentliche Innovation der Legitimationskrisen und Verfassungsrevolutionen des 18. Jahrhunderts war, die Freiheit des öffentlichen Lebens mit dem Wachstum der öffentlichen Gewalt, also die Freiheit zur politischen Partizipation mit der Freiheit von der Politik zu kompatibilisieren; und schließlich
(3) durch soziale Revolutionen und Reformen, politische Planung und regulierten Kapitalismus – Folgen der und Reaktionen auf die ökonomischen und sozialen Krisen des entfesselten kapitalistischen Systems – in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Freiheit der Märkte zusammen mit der Freiheit von ihren negativen Externalitäten durchzusetzen und zu gewährleisten.

Bis heute verdanken sich alle objektiv fassbaren Fortschritte in der „Einbeziehung des Anderen“ (Habermas), auch alle Fortschritte des Völkerrechts und seiner Konstitutionalisierung der ebenso gewaltigen wie bedrohlichen Machtfülle des modernen Nationalstaats, die durch Verrechtlichung und Gewaltenteilung nicht weniger bedrohlich, sondern überhaupt erst zu einem exponentialen Wachstum angetrieben worden ist. Der am Ende vielleicht doch zu hohe Preis dieses gleichzeitig funktionalen und normativen Fortschritts im Nationalstaat besteht aber nicht nur in der kaum aufhebbaren Ambivalenz reflexiver Macht, sondern im weitgehenden, aber praktisch aufhebbaren Opfer der ursprünglich universalistischen und kosmopolitischen Ansprüche der großen Verfassungsrevolutionen, die ihn hervor- und auf den Weg gebracht haben.

Anfangs, am schönen Tag ihrer Erklärung im August 1789, waren die Rechte des Menschen und Bürgers zwar ohne jede rechtlich bindende Kraft, aber noch so streng universell, dass der im Text erkennbare Unterschied zwischen Menschen und Bürgern und zwischen Menschen- und Bürgerrechten sich darauf reduzierte, das es sich bei den Menschen um eine Population im Naturzustand und bei den Bürgern um dieselbe Population im Gesellschaftszustand handelte, in dem lediglich aus natürlichen positive Rechte wurden und ihre Zahl sich vermehrte, weil es jetzt galt, ihre autonome Ausgestaltung in einer assoziation politique zu organisieren. Der Text schloss niemanden von keinem fundamentalen Recht aus, auch wenn die zusätzliche und überflüssige Heiligsprechung des Eigentums im letzten Artikel bereits Böses ahnen ließ. Aber im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts wuchs die programmatische Bindungskraft der subjektiven Rechte, und am Ende wurden sie gar zu einklagbaren Grundrechten. Im Zuge ihrer Positivierung, Ausgestaltung und Konkretisierung durch Gesetzgeber, Verwaltungen und Gerichte wurde aus soft law hard law, aber der Universalismus blieb auf dem Status von soft law zurück, und mit der Konkretisierung der Rechte der einen wurde die Rechtlosigkeit der anderen konkretisiert, der Fremden und Ausländer, der Frauen und Kinder, der Schwarzen und Farbigen, der Gefängnisinsassen und Verbannten, und dieses Ergebnis war danach erst mal so stabil, dass es ohne große Reformen, heftige soziale Kämpfe oder gar Revolutionen kaum mehr zu ändern war. Je mehr es dem Nationalstaat gelang, sein normatives Versprechen zu erfüllen und Ungleichheit auszuschließen, desto deutlicher trat nicht nur in seinen immer weiter ausgedehnten Kolonien, sondern auch im heimischen Zivilisationsbereich die dem bürgerlichen Rechtsstaat inhärente Rechtlosigkeit hervor.

2. Der Erfolg des Nationalstaats erklärt sich aus der funktionalen Leistungsfähigkeit und der normativen Kraft demokratischer Verfassungen, deren revolutionäre Idee anfangs noch nicht auf diesen mächtigen Staat zugeschrieben war. In der französischen Erklärung findet sich das Wort Staat kein einziges Mal, statt dessen assoziation politique, societe civile oder nation. Auch bei Kant wird „Staat“ zumeist auf Maschine und Absolutismus gereimt, während die Republik noch oder schon wieder und vorhegelsch „bürgerliche Gesellschaft“ ist. Und in Amerika gab es nicht nur eine demokratische Staats-, sondern auch eine demokratische Unionsverfassung. Die demokratische Verfassung, so lehrt sogar die jüngste bundesrepublikanische Verfassungsdogmatik (Möllers), setzt keinen konkreten Staat voraus. (Insofern war gerade der Dualismus von Staat und Gesellschaft die nicht nur folgenreichste, sondern auch fatalste Innovation der hegelschen Rechtsphilosophie.)

Entscheidendes Merkmal des modernen und insbesondere des demokratisch verfassten Rechts ist, so meine zweite These, dass es nicht nur, wie das alte römische, der Koordination der herrschenden und der Repression der beherrschten Interessen dient. Es erschöpft sich auch nicht in Erwartungsstabilisierung, ist nicht nur, wie bei Luhmann, Immunsystem der Gesellschaft, sondern gleichzeitig Medium praktischer Weltveränderung. Es ist nicht nur auf Repression, sondern (mit Kant und Hegel) auch auf Emanzipation programmiert. Deshalb spricht Habermas (in der idealistischen Tradition) von der gleichzeitigen Faktizität und Geltung des Rechts. Ein hoch signifikantes Beispiel ist die Declaration of Independence. Als Medium der Emanzipation erklärt sie, “that all men are created equal” und gegen den Willen des Königs von England beharrt sie darauf, dass jeder, der nach Amerika einwandern möchte, willkommen sei. Rawls hat ganz recht, wenn er daran erinnert, dass die Revolutionen des 18. Jahrhunderts einen Lernprozess der Einbeziehung vormals ausgeschlossener Stimmen, Klassen, Rassen, Geschlechter, Länder, Regionen usw. in Gang gesetzt haben: “The same equality of the Declaration of Independence which Lincoln invoked to condemn slavery can be invoked to condemn the inequality and oppression of women.” Aber dieselbe Erklärung enthält nicht nur den schönen Satz über die Gleichheit, sondern ist gleichzeitig ein Dokument blutiger Unterdrückung, das den Vernichtungskrieg gegen die indianische Bevölkerung Amerikas legalisiert, indem es den britischen König der heimlichen Bundesgenossenschaft mit dem Feind aller civilized nations bezichtigt: den merciless Indian Savages.

Erst die paradoxe Kombination von repressiven Stabilisierungsleistungen und emanzipatorischer Macht ermöglicht es der demokratischen Verfassung, die antagonistischen Interessen und Klassenkonflikte, die kollidierenden Überzeugungen und Wertsysteme der Gesellschaft, die in blutigen Revolutionen unversöhnlich aufeinanderprallen, so zu institutionalisieren, dass sie nach der Revolution in ihrem Gegensatz bestehen bleiben, so dass die kommunikative Produktivität ihres Widerspruchs erhalten bleibt und der Kampf ums Recht fortan im Recht dann auch von Sklaven, Frauen oder merciless Indian Savages fortgeführt werden kann. Mit Chantal Mouffe könnte man den Weg von der illegalen Revolution zur Verfassung einer „permanenten legalen Revolution“ (Fröbel) als Weg from antagonism to agonism beschreiben , wenn man dabei – anders als Mouffe – im Auge behält, dass diese Transformation tödlicher Wert- und Interessengegensätze sich allein der (bei linken und rechten Schmittianern so verhassten) Juridifizierung der Politik verdankt. Erst wenn die Institutionen entweder so weit erstarrt sind, dass die Politik im Recht verschwindet oder wenn umgekehrt das Recht im Klasseninteresse von oben soweit flexibilisiert worden ist, dass es vom Vollzug politischer Entscheidungen kaum noch unterscheidbar ist, wird auch der Kampf ums Recht im Recht aussichtslos, und Insurrektionen und Bürgerkriege werden, wenn es die Machtverhältnisse erlauben oder die Verzweiflung diktiert, unausweichlich. Die kommunikative Macht ist dann auf ihren „symbiotischen Mechanismus“ (Luhmann), das zweischneidige Schwert „rächender Gewalt“ (Habermas) zurückverwiesen.

3. Vom frühen 19. bis ins letzte Drittel des 20. Jahrhunderts war der moderne Staat auf die Regionalgesellschaften Europas, Amerikas und Japans beschränkt, die ihrerseits weite Teile der übrigen Welt in nationalstaatlich dominierte, imperiale Großreiche verwandelt hatten. Es gab eine erst europäische, dann nord-westliche Weltherrschaft, aber noch keine normativ integrierte Weltgesellschaft. Der Imperialismus war dem souveränen Nationalstaat keineswegs fremd, gehörte vielmehr zu dessen innerstem Wesen. Die lange Geschichte des imperialen, von vornherein auf Weltherrschaft zielenden Staats und seines internationalen Rechts reicht vom 7. Juni 1494, als in Tordesillas der spanisch-portugiesischen Teilungsvertrags unterschrieben wurde, bis zur bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches am 2. Mai 1945. Bereits der Vertrag von Tordesillas teilte die Welt in zwei Hälften. Auf der einen Seite, zumindest im Zentrum und an der Spitze strahlend, die „zivilisierten“ christlichen Fürstenhäuser Europas, aus denen später das System der europäischen Nationalstaaten hervorging und in denen das Jus Publicum Europaeum, das europäische öffentliche Recht galt. Auf der andern Seite der Welt „triumphales Unheil“ (Horkheimer/ Adorno). Die riesigen, „unzivilisierten“ und paganen Regionen außerhalb Europas lagen im „Herzen der Finsternis“ (Josef Conrad). Im Kongo endeten Europas öffentliche Angelegenheiten und das düstere Reich seiner privaten Obsessionen begann. Noch die belgischen Völkermorde im späten 19. Jahrhundert wurden von einigen humanistischen europäischen Juristen, die sich 1873 im Namen von Freiheit, Gleichheit, Humanität, Weltfrieden, Parlamentarismus und Fortschritt im Institut de droit international in Genf vereinigt hatten, mit dem Argument gerechtfertigt, nur europäische Aktionen des belgischen Königs Leopold fielen unter das öffentliche Völkerrecht Europas, seine Aktionen im Kongo aber unter das Privatrecht des Besitzes, mit dem der Eigentümer Leopold machen könne, was er wolle. Leidige Tröster. Eine globale Untat, wie der Völkermord an den Schwarzen, galt damals noch nicht als Gefährdung des Weltfriedens. Die fundamentale Unterscheidung, die – so meine dritte These – das Jus Publicum Europaeum konstituierte, war die Unterscheidung zwischen gleichen Rechten für die europäischen Staaten und ungleichen Rechten für „das andere Kap“ (Derrida). Die Berliner Konferenz über die Zukunft Afrikas von 1884/85 bot (im Artikel 35 des abschließenden Protokolls) den kolonialisierten und zur Kolonialisierung freigegebenen Völkern Autorität statt Jurisdiktion, Maßnahme- statt Gesetzesrecht, der erste globale Doppelstaat, mit den letzten Worten aus Conrads berühmter Novelle: the horror, the horror.

4. Der Horror blieb, aber zumindest das Recht sollte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Grund auf ändern. Das 20. Jahrhundert ist als „Zeitalter der Extreme“ (Hobsbawm) bezeichnet worden, und jeder Versuch, den Abgrund, der die Extreme trennt, zu glätten, wäre „falsche Versöhnung“ (Adorno). Spätestens dieses Jahrhundert war die Katastrophe, die das Leben unheilbar „beschädigt“ hat (Adorno). Aber – so meine vierte These – es war auch das Jahrhundert einer großen Rechtsrevolution und eines grundstürzenden normativen Fortschritts, durch den
· die Demokratie universalisiert,
· das Staatsrecht in Weltrecht,
· die nationalen Menschenrechte in Weltbürgerrechte und
· die konstitutionelle in demokratische und soziale Rechtsstaatlichkeit verwandelt wurden.
Bestand bis Mitte des 20. Jahrhunderts die dunkle Kehrseite der regional und auf die rechtliche Gleichheit der eigenen Staatsangehörigen beschränkten, nationalstaatlichen Exklusion von Ungleichheit in der, auch rechtlich zementierten Ungleichheit für diejenigen Individuen, Organisationen und politischen Regimes, die nicht der nordwestlich zentrierten Staatenwelt angehörten; gab es bis Mitte des 20. Jahrhunderts keinen juristisch zwingenden Anspruch auf den globalen Ausschluss von Ungleichheiten; so hat sich das zumindest nach dem Zweiten Weltkrieg, der nicht nur gegen Hitler, nicht nur im nationalen Selbsterhaltungsinteresse sondern auch für Demokratie und Menschenrechte und eine neue Welt, den Sozialismus auf der einen, Roosevelts One World auf der andern Seite geführt wurde, dramatisch geändert. Zwar sind massive Menschenrechtsverletzungen, sind die soziale Exklusion ganzer Weltregionen und empörende Ungleichbehandlungen nicht verschwunden. Aber jetzt erst werden Menschenrechtsverletzungen, Rechtlosigkeit und politische und soziale Ungleichheit als unser eigenes Problem verstanden, als ein Problem, das jeden Akteur der Weltgesellschaft betrifft, und jetzt erst gibt es ernsthafte und rechtlich bindende Ansprüche (ius cogens) auf die globale Exklusion von Ungleichheit. Talcott Parsons, gewiss kein schwärmerischer Utopist oder ein rechtsgläubiger deutscher Jurist, hat aus diesen und ähnlichen Gründen schon 1961 von der beginnenden Konstitutionalisierung des globalen Systems gesprochen.

5. Wenn auch die Protagonisten der civitas maxima, des Völkerbunds, des Weltrechts und der Demokratie in der 1920er Jahren, wie Hans Kelsen oder Georges Scelle, am Ende gegen Carl Schmitt und Hans Morgenthau Recht behalten haben, so ist die civitas maxima, in und mit der wir heute leben müssen, doch weit davon entfernt, in guter Verfassung zu sein. Verrechtlichung, Konstitutionalisierung und Herrschaft des Rechts führen nicht per se zur Demokratie, sondern sie stärken immer die jeweils bestehende Herrschaft. Das Motto der (gerade in Sachen Osterweiterung höchst Einflussreichen) Venice-Commission der Europäischen Union, democracy through law, ist bestenfalls ein leerer Euphemismus, schlimmstenfalls die Ideologie der jüngsten Hegemonialmacht. Besser wäre es umgekehrt: Law through democracy. Die Macht demokratischer ebenso wie undemokratischer Herrschaft wird durch Recht überhaupt erst stabil, effektiv und vor allem: steigerbar. Die Konstitutionalisierung des Weltrechts, der Weltpolitik und der Weltwirtschaft ist deshalb – so meine fünfte These – nicht schon die Lösung des Problems der Überwindung undemokratischer Herrschaft, sondern selbst Teil des Problems. Die gegenwärtige Verfassung der Weltgesellschaft ist ein Netzwerk aus Rechten und Organisationsnormen, das den Widerspruch von demokratischer Solidarität und hegemonialer Weltstaatlichkeit, der diese Gesellschaft durchzieht, in sich abbildet. Ihr Verfassungsrecht ist im Ganzen nicht demokratisch, sondern konstitutionalistisch. Die Teilung der Welt in Leute mit guten und Leute mit schlechten Pässen spiegelt sich in der Verfassungsstruktur der Weltgesellschaft, die egalitäre ius cogens Rechte und demokratische Lippenbekenntnisse regelmäßig am harten Recht undemokratischer Organisationsnormen zersplittern und verstummen lässt. Das ermöglicht die Bildung neuer Formen transnationaler Klassenherrschaft. Ihr wichtigstes Herrschaftsinstrument ist gubernative Menschenrechtspolitik. Die Menschenrechte, so richtig ihre Durchsetzung im jeweiligen Einzelfall trotzdem sein kann, degenerieren dann zu Ermächtigungsnormen (Inge Maus) hegemonialer Politik. Mit der Etablierung weltstaatlicher und weltrechtlicher Strukturen schwindet die Fähigkeit des Nationalstaats, Ungleichheit wirksam auszuschließen, ohne dass postnationale Kompensation absehbar wäre oder der – ohnehin nur regressiv (faschistisch) denkbare – Rückzug in den Nationalstaat noch offen wäre.

6. Besonders auffällig wird das an den drei großen Strukturproblemen, mit denen die moderne Gesellschaft schon zu kämpfen hatte, als sie noch auf Europa beschränkt war: Die – so meine sechste These, die Habermas und Polanyi zusammenführt und globalisiert – umweltblinde Verselbständigung von Märkten führt zu ökonomischen und sozialen Systemproblemen und -krisen, die umweltblinde Verselbständigung von Exekutivmacht zu Legitimationsproblemen und -krisen, und die nicht minder umweltblinde Verselbständigung religiöser Wertsphären zu Motivationsproblemen und -krisen. Die Globalisierung der verselbständigten Märkte, Mächte und Glaubenssysteme macht
(1) aus den state embedded markets des nationalen Spätkapitalismus die market embedded states des globalen Turbokapitalismus. Der neue Kapitalismus, der seit den 1970er und 80er Jahren in kürzester Zeit entstanden ist, hat das enge und starre Gerüst demokratischen Verfassungsrechts durch das leichte Gewand eines flexiblen und elastischen Weltrechts eintauscht und stürzt den halb demokratischen, halb bürokratischen Sozialstaat des Westens, noch während er gerade über den diktatorischen des Ostens heiter triumphiert, in eine tiefe Krise. Die Freiheit der Märkte entfesselt sich erneut auf Kosten der Freiheit von ihren negativen Externalitäten, die Blase platzt und der Konkurrenzkampf um Märkte und fossile Energien wird immer destruktiver: There Will be Blood.
(2) Was dem Kapitalismus recht ist, ist der Religion billig. Die fundamentalistischen Sekten- und Netzwerkreligionen und die katholische Kirche, die seit fast tausend Jahren mit weltstaatsartigen Organisationsformen experimentiert hat, sind die großen Globalisierungsgewinner, die protestantischen Staatskirchen ihre Verlierer. Die zweite große Transformation hat state embedded religions in religion embedded states verwandelt. Die dadurch neu gewonnene, anarchische Freiheit der Religion entwickelt sich bereits bedrohlich auf Kosten der Freiheit von der Religion und macht die Motivations- und Identitätskrisen, die in den 1960er Jahren noch durch Bildungsreformen kompensiert und (in autoritären Regimes) durch polizeistaatliche Maßnahmen national eingegrenzt werden konnten, ubiquitär. Endlos verlängerte Jugend und die lebenslange Permanenz von Lern-, Sinn-, Adoleszens- und Konversionskrisen lassen sich durch nationale Programme nicht mehr eingrenzen, so dass der religiöse Fundamentalismus jederzeit überall und in jeder beliebigen gesellschaftlichen Gruppe oder Schicht ausbrechen und die Religion immer wieder neu erfinden kann. Jedenfalls scheinen die Instrumente der staatlichen und überstaatlichen Organgewalten auch gemeinsam nicht mehr auszureichen, um das entfesselte Destruktionspotential der Weltreligionen zu rezivilisieren: There Will be Blood.
(3) Aber nicht nur Kapitalismus und Religion, auch die öffentlichen Exekutivmächte haben sich inter-, trans- und supranational vernetzt und aus ihren staatsorganisationsrechtlichen Verankerungen losgerissen. Die dritte große Transformation verwandelt state embedded public powers in power embedded states. Die Globalisierungsgewinner sind überall die schnellen und beweglichen Exekutivgewalten, die sich über neuartige private-public partnerships zu einer transnational herrschenden Klasse erweitern. Sie haben längst gelernt, wenn Not am Mann und das gemeinsame Klasseninteresse bedroht ist, global vernetzt und vereint zu handeln. In der Folge wächst auch hier die Freiheit der öffentlichen Gewalt auf Kosten der Freiheit von der öffentlichen Gewalt. Neue globale Legitimationsprobleme treten zu den alten, national eingebetteten hinzu und könnten das schwach etablierte, von manchen Politikwissenschaftlern als Lösung aller Welträtsel gefeierte, Mehrebenensystem der global governance without (democratic) governance in eine tiefe Krise stürzen, die derjenigen des globalen Finanzkapitalismus an Schrecken nicht nachstehen dürfte. Dann heißt es erst recht: Für uns im Nordwesten des Globus, wenigstens für die, die mitmachen, sanfter Bonapartismus, für die andern im Südosten, die mit den schlechten Pässen, die ganze Härte des Maßnahmestaats: There Will be Blood.

7. Die große Rechtsrevolution des 20. Jahrhunderts, die in der Völkerbundsatzung und der Charta der Vereinten Nationen, der Menschenrechtserklärung von 1948 und den Römischen Verträgen ihre Gründungsdokumente hat, war erfolgreich, aber sie ist unvollendet. Konstitutionalismus statt Demokratie blockiert die Umsetzung der Menschenrechte und feierlichen demokratischen Deklarationen. Aber – so meine letzte These – auch von organisationsrechtlich nur verzerrt umsetzbaren Menschenrechten und demokratischer Verfassungsrhetorik gilt mit Kant, dass sie Recht und nicht Philanthropie sind, und dass sie deshalb auch nicht ungestraft in Norm- und Verfassungstexten erscheinen können. Sie können (mit Friedrich Müller) zurückschlagen. Auch noch die hegemonial verrechtlichte und konstitutionalisierte Weltgesellschaft teilt mit dem Verfassungsrecht des 18. Jahrhunderts und der westlichen Rechtstradition die Doppelstruktur, gleichzeitig Immunsystem der Gesellschaft und Medium ihrer Veränderung zu sein, gleichzeitig den Herrschaftsinteressen entgegenzukommen und doch der Bildung emanzipatorischer Interessen Raum zu geben, so dass kleine Unterschiede verschiedener Reformpolitiken ins Gewicht fallen können. Eine schwache Hoffnung, aber „nicht Nichts“ (Hegel).

Infos zum Referenten:
www.iim.uni-flensburg.de/eustudies/front_content.php?idcat=519
www.suhrkamp.de/autoren/hauke_brunkhorst_626.html
de.wikipedia.org/wiki/Hauke_Brunkhorst
Seine Veröffentlichungen:
www.iim.uni-flensburg.de/eustudies/upload/Staff-Titel/cv_Hauke_Brunkhorst.pdf





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