Mi. 29.04.09: Von der „Praxis der Theorie“ zur „Theorie der Praxis“ Die situationistische Zurückweisung der linken Entfremdung

Von der „Praxis der Theorie“ zur „Theorie der Praxis“

Die situationistische Zurückweisung der linken Entfremdung

Dass sich die Situationistische Internationale (1957-72) als ein Kollektiv von Theoretikern und Experimentatoren bezeichnete, lag vor allem daran, weil sie in einer anti-hierarchischen und egalitären Vermittlung des Theorie-Praxis-Komplexes eine der wichtigsten Aufgaben der revolutionären Organisierung sah. So findet sich 1966 in einer Broschüre, nach deren Verteilung die universitäre Normalität in Strasbourg für fünf Wochen verunmöglicht war, die Einsicht: die „Spaltung zwischen Theorie und Praxis war der Felsen, der der alten revolutionären Bewegung den Weg versperrte.“
Nach Auffassung der SI besteht die „Praxis der Theorie“ natürlich nicht nur im Bücherlesen, Diskutieren, Verfassen von Texten und Denken. Sie ist eine Forschungsaufgabe mit ungewissem Ausgang, die sowohl denkerische Kopfarbeit als auch sinnlich-praktische, experimentelle Formen beinhaltet.
So entwickelte die SI im Laufe ihrer Geschichte bestimmte Techniken und Methoden der experimentellen Forschungsarbeit bzw. griff vorgefundene auf und entwickelte diese weiter, vor allem die Entwendung (détournement), das Umherschweifen (dérive), die Psychogeographie und schließlich die umfassende Konstruktion von Situationen.
Sobald aber absehbar sei, dass sich das Proletariat zu einer Klasse-für-sich entwickelt, d.h. wenn die Proletarisierten sich mehr und mehr für eine Verwirklichung revolutionärer Begierden einsetzten, bis sie massenhaft um ihre Verwirklichung kämpften, sah die SI die vorwiegende Aufgabe einer revolutionären Assoziation darin, den Handelnden diesen Prozess in jedem Punkt bewusst zu machen, da andres keine Aufhebung fetischistischer Vergesellschaftung stattfinden kann. Es ging also darum, die „Theorie der Praxis“ voranzutreiben.
Letztere hat unter anderem die kritische Funktion, auf die Gefahr der Rekuperation (=Beschlagnahmung durch das Bestehende) revolutionärer Mittel hinzuweisen, welche in allen historischen Klassenkämpfen immer wieder stattgefunden hat. Es gibt keine Garantie dafür, dass die Waffen der Kritik in umgemodelter Form nicht gegen den Klassenkampf eingesetzt werden können. Sie werden immer wieder rekuperiert werden und zur Modernisierung des Spektakels beitragen, darauf hat die SI ständig aufmerksam gemacht. Weder darf eine solche Gefahr unterschätzt werden, noch sollte sie in eine praxislähmende Furcht vor der Rekuperation münden, so wie ein Kaninchen auf die Schlange starrt. Gerade bei der Frage der Rekuperation erweist sich eine möglichst genaue Einschätzung des momentanen Stands der proletarischen Kämpfe als hilfreich. Die aktive Gelassenheit des „savoir attendre“ ist bei der „Theorie der Praxis“ zu bewahren. Sie drückt sich bei der SI in Bezug auf die Möglichkeit der Rekuperation so aus: „Genau wie das Proletariat können wir nicht behaupten, unter den gegebenen Verhältnissen nicht ausbeutbar zu sein. Nur soll dies auf das Risiko der Ausbeuter geschehen.“

Weiter Infos zur Situationistischen Internationalen, Literatur und Links

Beitrag zur Situationistischen Internationale vom letzten Kolloquium:

Negator: Einführung in die Situationistische Internationale.





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